Authentizität und Jugendbücher – geht das?

Während die Jugendliteratur-Szene in der Öffentlichkeit immer noch unter den Nachwehen der „Twilight“-Bücher leidet (von denen der erste Teil übrigens tatsächlich verdammt gut ist), sind die jungen Leser schon viel weiter. Denn attraktive Vampire sind schon lange nicht mehr das, was die Jugendlichen lesen wollen und was die Jugendbücher regiert.
Mit Anfang zwanzig greife ich immer noch gerne auf Jugendliteratur zurück, doch dort wirklich authentische Geschichten zu finden, die einem das Gefühl geben ernst genommen zu werden, wird zu einer härteren Aufgabe als angenommen. 
Ich mag gar nicht aufzählen, wie viele Titel ich in den Händen hielt und nach fünfzig Seiten, genervt von unzähligen Klischees und schlecht geschriebenen Protagonisten, einfach an Seite legte, ganz hinten ins Regal schob, damit ich sie nie wieder sehen muss oder gar verkaufte.

Was Jugendbücher haben müssen

Wenige Autoren schaffen den Spagat zwischen dem Gedanken „Ich glaube er möchte mit mir schlafen, aber ich will gar nicht“ und „Irgendwas an ihrer Art machte mich sprachlos, trieb mich in den Wahnsinn und doch konnte ich mir nicht vorstellen eine Sekunde ohne sie zu sein“.
Doch auch, wenn es wenige sind, es gibt sie, und sie sind brilliant.

Jugendbücher
„Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ (eng. „The Fault In Our Stars“) von John Green brach das Internet – zurrecht. Tumblr-Teens fühlten sich angestiftet Artworks zu basteln, Sprüche wie „I’m on a Rollercoaster that only goes up“ auf jegliche Klamotten und Schulbücher zu kritzeln und waren beeindruckt davon, wie es ein Autor schafft ein Krebsbuch so unfassbar wunderschön zu schreiben, das mit dem Satz „Krebsbücher sind scheiße“ anfängt. Doch nicht nur Tumblr-Teens waren angetan. Es dominierte jegliche Bestsellerlisten monatelang und brachte auch mich, mit meinen damaligen 17 Jahren, nachts um zwei Uhr furchtbar zum heulen – ich habe noch nie bei einem Buch geheult. Der bittere Beigeschmack des Todes, kombiniert mit liebevollen Protagonisten und wunderschönen Metaphern. Das Rezept ist fragwürdig, hat sich aber unwiederruflich in mein Hirn und Herz eingebrannt.

Anscheinend ist es eine Kunst einen Jugendlichen so darzustellen, wie er wirklich ist, sonst gäbe es viel mehr solche Bücher.

Eine ganz besonders großartige Darstellung genießt auch Alaska aus „Eine wie Alaska“ (eng. „Looking For Alaska“) ebenfalls von Green.
Der verzweifelte Versuch unabhängig zu ein, zu rebellieren, sich von Gefühlen zu befreien und am Ende an all dem zu scheitern. Selten hat mir ein Buch einen solche großen Kloß in den Hals gesetzt wie „Eine wie Alaska“. 
Man braucht den Bezug zum eigenen Leben, diese Gefühle, die jeder kennt, die einen schreien, weinen und lachen lassen. 
Jugendliche die mit dem Thema vertraut sind, fühlen sich verstanden, akzeptiert und gut aufgehoben. Bekommen so einen geborgenen Ort, den sie in ihrer Familie, bei Freunden oder in der Schule vielleicht nicht bekommen.

Jugendbücher
Dieser Aufgabe sollten sich mehr Autoren bewusst sein.
Doch selbst in der Fantasy-Sparte ist eine gute Charakterisierung nicht unmöglich. Suzanne Collins beweist in „Die Tribute von Panem“, dass man sich sogar mit den Gedanken eines Mädchens identifizieren kann, dass in einem Kampf um Leben und Tod steht, das in einer komplett anderen Gesellschaft lebt und im Endeffekt trotzdem mit alltäglichen Problemen wie der Liebe zu kämpfen hat.
Fantasy-Welten sind also keine Ausrede für überspitzte Heldenzeichnung, große Abgründe zwischen Protagonist und Leser und unmöglichen Gedankengängen.

Das Buch „Das also ist mein Leben“ (eng. „The Perks Of Being A Wallflower“) von Stephen Chbosky, erzählt von Charlie. Charlie ist ein Außenseiter und erzählt seine Gedanken, geprägt von psychischen Problemen, in Briefen an einen unbekannten Freund. Damit greift der Autor ein sensibles Thema auf, das vielen Jugendlichen das Herz schwer machen wird. 
Doch Chbosky erzählt Charlies Geschichte mit Vorsicht, Respekt und Bedacht. Trotzdem schmerzt die Sie an manchen Stellen unglaublich. Zitate wie „Wir nehmen die Liebe an, von der wir glauben, dass wir sie verdienen, Charlie“ oder „Und so denke ich, dass wir aus ganz vielen Gründen sind, wer wir sind. Und vielleicht werden wir die meisten davon nie erfahren. Aber auch, wenn wir uns nicht aussuchen können, woher wir kommen, können wir doch immer noch wählen, wohin wir gehen. Wir können immer noch unsere Entscheidungen treffen. Und versuchen, glücklich mit ihnen zu sein.“, treffen die Gedanken genau, die man als Jugendlicher nachts hat, wenn man einfach nicht einschlafen kann.

Jugendbücher
Die Autoren schaffen allesamt etwas, das eigentlich gar nicht so schwer sein sollte: Sie machen die Charaktere menschlich. Sie erzählen die Geschichten vom psychisch kranken Mädchen von nebenan, vom Jungen, der vom Pech verfolgt wird und sie erzählen die Geschichten vom Schicksal, wie das Leben halt laufen kann und ermutigen den Leser er selbst zu sein. Zwischen all diesen traurigen Geschichten ist noch Platz für Liebe, denn Liebe gehört dazu. 
Denn auch wenn ihre Buchcharaktere viele Fehler machen, blöde Wege wählen und vielleicht nicht immer das Schlauste sagen, sind sie am Ende des Buches authentisch, fühlen sich real an und greifbar, nicht ein ganzes Universum entfernt.

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Ein Kommentar

  1. Schöner Post, im Kern geht es mir da ähnlich wie dir, auch wenn mich persönlich diese Jugendbücher à la John Green immer mäßig reizen. Ein richtig gutes Jugendbuch zu finden, ist richtig schwierig, weil es da so viele Klischeeschleudern gibt. Im Fantasy-Bereich lässt sich das durch große Action noch halbwegs kaschieren, aber spätestens bei Dystopien oder Büchern, die in unserer realen Welt spielen wird es da schnell eng.
    (Oh, und mit dem ersten Twilight gebe ich dir übrigens recht: Sowohl der als auch z.B. „Seelen“ sind finde ich gar nicht mal so schlecht, bei „Twilight“ ist es eher diese gefährliche Abhängigkeit als Konzept, die einem v.a. auffällt, wenn man älter wird, die problematisch ist.)

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