KLARTEXTE: Welt-Vegetariertag aka Welt-Intoleranztag

Ich esse kein Fleisch.
So, 90% der latent gekränkten Fleischesser unter den Lesern schon mal aussortiert, dann kann ich ja jetzt zur Sache kommen.

2016 geht mir auf den Sack. Die Gesellschaft geht mir auf den Sack und auch du, falls du auch so witzige Sprüche über den Welt Vegetarier Tag teilst, gehst mir auf den Sack.
Und, Überraschung, nicht, weil ich Vegetarierin bin, sondern weil ich die sehr grausige Überzeugung habe, dass jeder Mensch für seine Angewohnheiten, Überzeugungen und Einstellungen akzeptiert und respektiert werden sollte. Außer ihr seid Nazis, dann seid ihr halt Scheiße.

Direkt beim ersten Durchscrollen durch Facebook springt mir von der Express der Spruch „Herzlichen Glückwunsch liebe Vegetarier, aber ihr verpasst was!“, ins Gesicht. Morgens früh – der Tag wird klasse.
Spart euch eure „Mimimis“, ich möchte einfach nur einen Punkt klar machen. Wenn ich Homosexuell wäre, müsste ich mir dann Sprüche wie „Hey, du bist homosexuell, herzlichen Glückwunsch, aber du verpasst was!“, gefallen lassen? Wenn ich Muslima wäre und ein Kopftuch tragen würde, müsste ich mir dann Sprüche wie „Hey, du lebst deinen Glauben aus, herzlichen Glückwunsch, aber du verpasst was!“, gefallen lassen? Die Antwort ist nein, und das werde ich auch nicht. Solange ich eine Stimme hier im Internet habe, sei es als Journalistin oder als simple Konsumentin, werde ich meine Stimme nutzen und meinem Ärger Luft machen. Und ihr solltet das auch tun.

Die besorgten Fleischesser werden nun aufschreien und motzen: „Das kann man gar nicht vergleichen“, doch ich muss euch leider enttäuschen – man kann es vergleichen.
Aber Caro, wieso?
Egal ob homosexuell, heterosexuell, asexuell, Muslima, Christ, Veganer oder Vegetarier, all dies sind Überzeugungen, Eigenschaften und Merkmale, die einen Menschen ausmachen. Ein kleiner Teil des großen Gebildes des Menschen. Ein Teil von mir, ein Teil von dir.
Für den Kontext: Ich habe mich entschieden kein Fleisch mehr zu essen, weil es mir nicht schmeckt. Ja, ich bin gesund, ja ich habe gute Blutwerte, ja ich habe tatsächlich die freie Wahl Schweinefilet zu essen, wenn ich da Lust drauf habe und nein ich werde dann nicht aus dem Vegetarier-Club rausgeworfen. Nein, ich habe nie „plötzlich Lust“ auf einen Cheeseburger oder einen Big-Mac weil ich generell nicht viel von Fleisch-, Blut- und Knorpelresten halte.

Ja, ich kann über Sprüche wie „Darfst du Fruchtfleisch essen?“, oder „Hast du auch Schmetterlinge im Bauch, wenn du verliebt bist?“, lachen, aber sobald jemand meint, mir zu sagen, dass ich an gesellschaftlichen Aktionen (z.B. grillen – Ja, lieber Etienne Gardé, ich meine dich) deswegen nicht teilnehmen könnte, hört der Spaß auf. Auch wenn mir jemand unterstellt bestimmte Erlebnisse dadurch zu verpassen (Bsp. Express), ist das nicht witzig, sondern respektlos. Das ist keine gute Presse, das ist Scheiße, liebe Print- und Audiomedien.

Das Bild des nervigen Veganers/Vegetariers, der es allen erzählt, ist sowas von 2005, also kommt alle runter und schaut euch mal um. Selbst in 2016 ist es verdammt schwer kein Fleisch zu essen. Restaurants? HAH! Der war gut. In 90% der Restaurants in meiner Stadt sind die einzigen fleischfreien Gerichte Salate, die nicht einmal als Hauptspeise gelten. „Aber das ist doch gute deutsche Küche“, nein, das ist Intoleranz und Verschließen der Augen vor anderen Menschen und Andersartigkeiten. Ihr wollt mich nicht als Kunde? Okay, ess ich halt meine Nudeln mit Pesto alleine Zuhause. (Funfact: das ist sogar vegan)

Auffälliger Weise sind es immer die Leute, die keinen Veganer/Vegetarier im Umfeld haben, die am lautesten schreien. Erzähl mir doch mal bitte von dem Vegetarier, der dich im Restaurant offen anspricht und sagt: „Also ich würde tote, gequälte Tiere nicht essen.“ Schau selber mal genauer hin und frage dich, ob die Überzeugung, die du von einer Sache hast, aus dem letzten Mario Barth Programm stammt, oder wirklich eine fundamentale Überzeugung ist, die so eine klare Regelmäßigkeit sein MUSS und nicht bloß ein blöder Zufall sein kann.

Das böse Erwachen solchen Sprüchen gegenüber überkam mich nicht erst, als ich mich entschieden habe kein Fleisch mehr zu essen. Ich toleriere stets Menschen mit anderen Geschmäckern, anderen Denkweisen und anderen Idealen. Ich habe nichts dagegen, wenn jemand an meinem Tisch Fleisch ist, gut finden muss ich das trotzdem nicht. Ich verurteile dich nicht dafür, dass du Fleisch isst. Ich akzeptiere dich so wie du bist.
Woher kommt also diese Verdrossenheit gegenüber der Ablehnung von Fleisch? Von den vielen veganen Instagram-Accounts, die sich damit identifizieren, weil sie glücklicher denn je mit sich und ihrer Ernährung sind? Dass sie das mit anderen Menschen teilen können, dass sie eine Alternative gefunden haben? Von den Menschen wie Attila Hildemann, der, leider wirklich anstrengend ist, aber genau das gleiche macht wie jeder Fleischhersteller da draußen? Also für seine Produkte und seine Denkweise wirbt? Wer hat euch auf die Füße gepinkelt und bedroht euch in eurem Fleischesser Dasein, dass ihr stetig darüber unangebrachte Witze machen müsst? Wer hat euch das vorgelebt? Mario Barth? Wenn ja, dann seid ihr im Jahr 2016 einfach falsch.

Ich wünsche mir eine Welt, in der Toleranz an der Tagesordnung ist. Ein gewisser Humor gegenüber Geschmäckern, Idealen und Interessen zwar da, aber nicht beleidigend ist. Wo ich Sprüche wie „Kannst das Essen ja immer noch mit Hackfleisch anreichern“ am VERDAMMTEN WELT-VEGETARIERTAG nicht im Radio hören muss.
Ich wünsche mir Medien, die ihre Reichweite nicht für dumme Experimente (Ja, Sophia Thomalla, ich schaue dich an) nutzen, sondern um Toleranz, Gemeinschaft und Zusammenhalt zu predigen.
Ich wünsche mir eine Welt in der Medien mit Toleranz und Akzeptanz mit gutem Gewissen voran gehen und nicht immer und immer wieder Salz in die Wunde streuen und ich hoffe, ich gehe mit diesem Artikel einen kleinen Schritt in die richtige Richtung.

Teilen auf:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Solve : *
26 × 17 =


*