Die Kunst des Aneinandervorbeiredens – Mobilität in der Bundestagswahl 2017

Die Bundestagswahl steht vor der Tür und Politiker werfen mal wieder mit leeren Versprechen um sich und versuchen in kürzester Zeit möglichst viele Wähler für sich zu gewinnen. Dabei spielt Sympathie mit möglichst kurzer, aber intensiver Halbwertszeit eine große Rolle. Plötzlich erscheinen Leute auf der Bildfläche, von denen man gefühlt noch nie was gehört hat. Bei Events und in der Innenstadt schütteln wir Leuten die Hände, deren Gesichter wir noch nie gesehen haben. Das Interesse an der eigenen Person war nie größer. Fragt sich nur für wie lange, nachdem man sein Kreuzchen gesetzt hat.

Selbstverständlich kann man nicht alle Politiker pauschalisieren und nicht alle schmieren in ihrer Arbeitszeit ausschließlich Wählern Honig ums Maul. Manche versprechen tatsächlich Dinge mit Hand und Fuß, welche umsetzbar scheinen. 

Ein wichtiges Thema im Wahlkampf, das sowohl alte als auch junge Leute anspricht, ist das Thema Mobilität. Junge Leute sind auf den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) angewiesen. Alte Leute ebenfalls. Denn jeder, der keinen Führerschein hat, oder sich nicht mehr in der Lage sieht zu fahren, sollte möglichst vom Steuer eines Autos fern bleiben. Als junger Mensch ohne Führerschein und in ansässig einer Kleinstadt, ist das Thema auch für mich unglaublich spannend und wichtig. Kann ich mit meinem Rad entspannt durch die Stadt fahren ohne Gefahr zu laufen plattgewalzt zu werden? Wie sicher ist meine Zukunft im Hinblick auf Emissionen? Muss ich in Zukunft nur noch verschmutzte Luft atmen? Und wie komme ich, gerade als Frau, nachts um 2 sicher nach Hause? All diese Themen sollte man im Wahlprogramm der Parteien finden, denn sie sind aktuell und wichtig. Deshalb habe ich mal einen Blick hinein geworfen, versucht den Fokus der Programme ausfindig zu machen und ein wenig rumgefragt, was sowohl die Menschen im Internet als auch auf den Straßen meiner Kleinstadt direkt neben Düsseldorf zum Thema Mobilität sagen.

Die Kunst des Aneinandervorbeiredens

 

Während sich die beiden großen Parteien CDU und SPD gemeinsam mit der FDP in erster Linie um den Ausbau der Straßennetze kümmern wollen, fokussieren sich Die Grünen und die Linke eher auf den öffentlichen Personennahverkehr. CDU und SPD haben zwar auch Pläne für den ÖPNV, jedoch geht es um mehr Transport, weniger CO2-Ausstoß und weniger Stau. All das bei einem verlangten Verkehrszuwachs. Ich habe in einem breiten Altersspektrum mal rumgefragt, worum es den meisten bei der Bundestagswahl im Bezug auf Mobilität für sie selbst und für ihre Familie eigentlich geht. Da 51,9% der Befragten angaben, nicht in einer Beziehung zu sein, bewegt sich also die Hälfte alleine fort. Das passiert zu 84,6% zu Fuß, zu 67% mit dem Bus und zu 69,2% mit dem Auto, wobei Mehrfachnennung möglich war. Die Fahrradfahrer liegen bei soliden 53,8%. Auf die Frage, wo im Bezug auf Mobilität die größten Schwächen in Deutschland liegen, fielen häufig die Äußerungen Fahrradwege, Pünktlichkeit und Verfügbarkeit von ÖPNV. Auch der Gedanke an die Umwelt bleibt nicht aus. Im Vergleich zur CDU, SPD, Linken und den Grünen, sprechen die FDP und AfD das Thema Umweltverschmutzung im Bezug auf Verkehr nur recht schwammig an. Dabei ist grade Nachhaltigkeit für den Großteil der Befragten eminent wichtig. Das Auto spielt eine geringere Rolle, womit die großen Parteien, die mehr Verkehr fordern, an dieser Stelle deutlich mit Attraktivität einbüßen.

Hier muss man sich nun leider die Frage stellen, ob schlichtweg aneinander vorbei geredet wird. 86,5% der Befragten finden, dass das Thema Mobilität, Verkehr und Infrastruktur von den Parteien nicht ausreichend besprochen und kommuniziert wurde. Zwei Befragte äußerten die Sorge, dass solch ein wichtiges Thema aufgrund von anderen Themen quasi vom Tisch rutscht. Es gibt in der Politik, besonders während dem Wahlkampf, deutlich wichtigere Themen, als Verkehr, doch ist es wirklich korrekt das ganze kaum nach außen hin zu kommunizieren? 86,8% der Befragten hatten das Gefühl, dass das Thema nicht ausreichend kommuniziert wurde. Ist also die einzige Möglichkeit für die Wähler sich jedes Parteiprogramm (zwischen 140 und 240 Seiten) ausführlich durchzulesen? Oder muss man sich auf Marktschreier Slogan verlassen? Das wirft wieder einen riesigen Kritikpunkt an der Politik selbst auf. Unnahbarkeit und vor allen Dingen Unzugänglichkeit. Grade für junge Wähler.

Das Thema Geld spielt grade bei Mobilität eine besonders große Rolle. In der Videoumfrage äußerte eine Befragte die Sorge, dass der ÖPNV, anstatt wie von der Linken gefordert kostenfrei, sogar noch teurer wird. So teuer, dass sich besonders junge und alte Leute ihn nicht mehr leisten können. Ein Befragter der Onlineumfrage befürchtete sogar, dass sich sozial Schwache in Zukunft gar keinen ÖPNV mehr leisten können. Für ein Land mit der zweithöchsten Flüchtlingsdichte Europas ist das fatal. Anstatt das Problem anzugehen, fordert FDP-Chef Christian Lindner in einem Bild-Interview: „Alle Flüchtlinge müssen zurück.“ Ist das die richtige Art und Weise das Thema anzugehen?

Die Linke bewegt sich derweil in eine ganz andere Richtung. Sie verlangt, wie eben genannt, nämlich einen kostenfreien ÖPNV. Die Befragten zeigten sich von der Idee nicht abgeneigt, bezweifelten jedoch die Umsetzbarkeit. Die Kosten wären nicht tragbar, beziehungsweise müssten die Nutzerzahlen dafür steigen. Das würde wiederum der SPD sehr gelegen kommen, denn damit könnten sie das Ziel den ÖPNV attraktiver zu machen, von ihrer Liste abhaken.

Die Sache stinkt doch!

Ein weiteres Problem auf der endlos langen Sorgenliste des Staates ist die Umweltverschmutzung. Die CDU sagt klar, dass sie einen Verkehrszuwachs fordern, bieten jedoch keinen Ansatzpunkt, wie sich das mit der Abgasbelastung vertragen sollte. Die SPD wiederum möchte bis 2050 die Mobilität in Deutschland komplett schadstofffrei, digital und barrierefrei machen. Barrierefreiheit ist stets ein großes Thema, wenn man bedenkt, dass ein Großteil der deutschen Bahnhöfe immer noch nicht barrierefrei ist.
Wer zukunftsorientiert denken möchte, sollte auf jeden Fall den CO2-Ausstoß im Auge behalten. Während Feinstaub, Stickoxide, NMVOC (Methan) und Schwefeloxide einen deutlichen Rückgang verbuchen können, ist der CO2-Ausstoß noch fast genau so hoch wie 1995. Das ist fatal. Eine Lösung muss her, dringend.


Und was ist mit mir?

So richtig zufrieden und vor allen Dingen sicher ist man nach Beendigung der Wahlprogramme der Parteien nicht. Es bleibt zu viel Unsicherheit und nicht zum ersten Mal stelle ich mir als Wähler die Frage: „Und was ist mir mir? Wie sehr interessiert ihr euch eigentlich für mich? Und wie wichtig ist es euch, dass mich alle eure Informationen erreichen?“. Auch bei meiner zweiten Bundestagswahl mag dieser Beigeschmack einfach nicht verschwinden. Wir wählen nicht irgendwas. Wir wählen die Regierung für die nächsten vier Jahre. Eine Regierung für ein ganzes Land, für Arme, für Reiche und für Geflüchtete. Eine Regierung für so viele verschiedene Menschen, die an viel zu vielen verschiedenen Problemen nagen. Es bleibt nur zu hoffen, dass am Ende diejenigen die meisten Stimmen bekommen, die zukunftsorientiert denken. Denn das sollten wir alle ein bisschen mehr. Doch wir können an dieser Stelle nur etwas bewegen, indem wir am 24. September 2017 ins Wahllokal gehen und unser Kreuzchen setzen. Denn wir sind diejenigen, die gemeinsam unsere Zukunft gestalten.

Doch nun ist eure Meinung gefragt!

 

Wem gedenken sie bei der Bundestagswahl 2017 ihre Zweitstimme zu geben?

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Sind sie der Meinung, dass das Thema Mobilität im Rahmen der BTW gut kommuniziert wurde?

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Glauben sie, dass ein kostenfreier ÖPNV in Deutschland möglich ist?

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5 Kommentare

  1. Ich glaube, dass die Debatte um ÖPNV, neue Fahrradwege, Alternative Beförderungskonzepte einer Sache zum Opfer gefallen ist. Dem Diesel- und Abgasskandal. Unter diesem Deckmantel wird zwar auch immer wieder über Alternativen diskutiert. Das ganze bleibt aber bewusst schwammig gehalten. Und fasste man den Altersrahmen weiter, was dir nicht möglich war und was ich dir nicht ankreiden will, dann glaube ich, dass sich da auch so schnell nix tun wird. Den Deutschen gefällt nunmal sein Auto und Konzerne können noch so tricksen und betrügen, auf ihr Auto wollen sie dann doch nicht verzichten.

  2. Liebe Caro,

    erst einmal: Mutig dass du dich dem Thema Politik annäherst, besonders da man es bei dem Thema sowieso nicht allen recht machen kann. Das weißt du aber sicherlich. Die Idee die du verfolgst, ist gut gemeint, allerdings hinkt es alles ein bisschen, wenn man es realistisch betrachtet.
    Bereits in deinem ersten Satz, wertest du, und diese Wertung ist sehr problematisch finde ich. Bei dir korrelieren eindeutig der IST und der SOLL Zustand. Du unterscheidest nicht zwischen Realpolitik und Wunschpolitik. Du hast ein Verständnis von Demokratie, was prinzipiell gut ist, jedoch entspricht es nicht dem wie unsere Demokratie in Deutschland beschaffen ist. Es mag widersprüchlich klingen, aber das Richtige und Gute, ist manchmal bzw. häufig nicht das was eine handvoll Leute lautstark fordert. Wir leben nicht in einer direkten Demokratie, sonder einer repräsentativen und in jener wählen wir Menschen die Interessen vertreten, dabei kann man nie, wie du es erwartest (so klingt es) 100% damit übereinstimmen. Man muss bereit sein Kompromisse einzugehen und Dinge zu akzeptieren.
    Wie gesagt, dein Anliegen ist gut gemeint, jedoch hast du ein kompliziertes Bild von Demokratie.
    vlg,
    Norbi

    • Hallo Norbert, erst mal danke für deinen Kommentar. Zum Thema Wertungen in Textes: Die dürfen vorhanden sein. Ich darf etwas scharf kritisieren, darf etwas überspitzt und provokativ darstellen und auch so ausschreiben. Der Text ist keine Reportage und verlangt genau deshalb keine Neutralität. Der Text hat eine deutliche Meinungsfärbung, weil ich mich direkt so für den Stil entschieden habe. Das hat alles schon so seine Richtigkeit!

      Grüße

      Caro

  3. Janis (DerPrinzderNarren)

    Hallo Caro,

    Ich weiß, viel zu spät, aber ich möchte ein paar Kleinigkeiten anmerken.
    Durch mein Soziologie-Studium hab ich so ein Statistik-Fetisch entwickelt. Man sollte zumindest einmal im Text oder bei den Bildquellen angeben, wie groß die Stichprobe war. 86,8% von 30 sind ca. 26 Leute, von 96 sind es schon ca. 83. Wenn du mit kleinen Zahlen arbeitest oder nicht repräsentativen Statisiken ist das immer schwer nachzuvollziehen. Du wirst das alles wissen, aber wie gesagt Statistik-Fetisch.

    Ansonsten sehr cooler Atikel, interessantes Thema. Ich bin persönlich selbst in einer Partei aktiv, weiß daher, dass das Thema immer wieder neu und anders besproche wird, aber es ist leider „wenig sexy“ und verschwindet schnell beim begrenzten Wahlkampf.

    Zur Wahl sag ich mal nichts, sonst werden das hier 3-4 Seiten.

    Beste Grüße

    Janis
    (DerPrinzderNarren)

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