Zwischen Hunger und Moral – Jagen in Videospielen

Quelle: Pinterest

Ich bin Vegetarierin, sowie 9% der Bevölkerung weltweit. Doch ich spiele auch Videospiele, was auf den ersten Blick nicht wirklich viel miteinander zu tun hat. Als ich so durch das Hyrule aus “The Legend of Zelda – Breath of the Wild” laufe und fröhlich die Wildschweine und Fische töte, ich brauche schließlich Essen, steht plötzlich ein Fuchs vor mir. Er wühlt im Gras, läuft den Hügel der apfelgrünen Wälder hinunter und ich stehe das erste Mal vor einer eigenartigen Entscheidung. Da ich noch herausfinden muss, was man in dem Spiel alles töten kann, schieße ich einen Pfeil auf den Fuchs. Er quietscht, fällt um und mit einem “Puff” verwandelt sich der flauschige, orangene Fellberg in rohes Luxuswild. Ich schaue es an, gehe hin und sammle es ein. Doch irgendwie bin ich unzufrieden, fühle mich unwohl. Ich mag Füchse. Füchse sind quasi Hunde in Katzenkörper, kleine Stars im Internet und so flauschig. Doch ich habe ihn getötet, damit ich etwas zu Essen habe. Und dann schaue ich das Wildschwein an, das ein paar Meter weiter nach Pilzen schnuppert und bemerke meine Leichtfertigkeit.

Meine Nilpferdrüstung und ich

Es gibt viele verschiedene Gründe kein Fleisch mehr zu essen. Immer mehr Menschen entscheiden sich dafür. Für mich war die Entscheidung nach gewisser Zeit ganz leicht. Ich mochte Fleisch nie besonders. Irgendwann gab es dann Fleischersatz in Wurstform, die meinen Geschmack befriedigte – das Thema Fleisch war damit für mich geklärt. Die ständigen “Aber wir sind Jäger und Sammler”-Diskussionen werde ich trotzdem nicht los. In Videospielen gehört Jagen zum Ernähren häufig dazu. Wenn man die Spiele, dessen einziger Sinn und Zweck es ist zu jagen, mal außen vor lässt, ist der Aspekt des Tiere-Tötens trotzdem recht präsent.

Auch ein jüngst erschienenes “Assassin’s Creed Origins”, welches sich im Ägypten kurz vor Christi Geburt ansiedelt, haben wir als Spieler keine andere Wahl, als Tiere zu erlegen, um aus ihnen Rüstung zu machen. Zwar werden auch Komponenten wie Holz, Bronze und Eisen verwendet, doch es wird stets hartes Leder (Krokodile, Nilpferde) und weiches Leder (Gazellen) benötigt. Das bekommen wir, wer hätte es gedacht, indem wir die Tiere erlegen und looten. Doch richtig schwer wird es, wenn man vor einem Löwen, einem Leoparden, Tiere, die heute als höchst gefährdete Tierarten gelten, steht, und es töten muss – für Rüstung.

Jedoch hat das alles auch seine Berechtigung. Videospiele haben die magische Fähigkeit uns für einige Stunden in die Vergangenheit, oder die Zukunft zu versetzen. Dass in einem Assassin’s Creed, das vor über 2000 Jahren spielt, gejagt werden muss, ist selbstverständlich. Es schafft außerdem ein ganz wichtiges Gefühl dafür, dass es Zeiten gab, in denen es bestimmte Tiere nicht nur in winziger Zahl an einem Ort auf der Welt gab. Es ließ mich ein wenig nachdenklich zurück. Mit unserem wachsenden Fortschritt in Waffenbau und Lebensstandards überrollten wir die Tierwelt, die keine Chance hatte, sich in unserem Angesicht weiterzuentwickeln, geschweige denn in irgendeiner Art zu wehren. Die gefährlichsten Tiere der Welt blicken heute fast täglich in den Gewehrlauf von Hobbyjägern und wir teilen die Hölle aus den bösen Tier-Trophäenjägern bei Facebook.

Natürlich sollte beim Spieler ein gewisses Gefühl dafür vorhanden sein, was vergangen und was aktuell ist, jedoch ist diese Pflicht bei jeglichen Medien enthalten.

Ist das schon Tierquälerei?

Quelle: Ubisoft

Quelle: Ubisoft

Wo ziehen wir eigentlich die Grenze? Im Jahre 2013 sorgte die Tierschutzorganisation PETA für Aufruhr, weil sie den Walfang in “Assassin’s Creed Black Flag” kritisierten. Gegenüber der Venturebeat äußert sich die PETA folgendermaßen: “Whaling—that is, shooting whales with harpoons and leaving them to struggle for an hour or more before they die or are hacked apart while they are still alive—may seem like something out of the history books, but this bloody industry still goes on today in the face of international condemnation, and it’s disgraceful for any game to glorify it”

(Übersetzung: Walfang, das ist Wale töten mit Harpunen um sie für Stunden leiden zu lassen bis sie sterben, oder lebendig zerstückelt werden. Was wie aus einem Geschichtsbuch klingen mag, ist eine blutige Industrie, die bis heute im Angesicht der internationalen Verurteilung existiert. Und es ist eine Schande jedes Spieles, das zu glorifizieren). (Quelle: Venturebeat)

Tiere als Götter und der vegane Link

Während ein “Assassin’s Creed Origins” sich deutlich mit dem Thema Tierverehrung auseinandersetzt (Doms Rumriss davon: “Warum einige Tiere unsterblich sind – und andere nicht”), konzentriert sich “Assassin’s Creed Black Flag” ausschließlich mit dem kommerziellen Nutzen des Walfangs und der Piraterie. Ist die eine Kritik an Ubisofts Piratenverschnitt also gerechtfertigt und wird die für das frischeste Assassin’s Creed noch kommen?

Quelle: Nintendo

In “The Legend of Zelda – Breath of the Wild” schlug ich jedoch einen anderen Weg ein. Ich begann an den Tieren vorbeizulaufen, keine Tiere mehr zu töten, weil ich mich damit nicht wohl fühlte. Und Nintendos Switch-Flaggschiff bot auch gleich eine interessante Alternative an. In “The Legend of Zelda – Breath of the Wild” kann man sich ausschließlich vegetarisch und sogar vegan ernähren, ohne Nachteile zu erleiden. Jegliche Statuseffekte können ebenfalls durch Pflanzen erzielt werden. Isst man kein Fleisch, hat man keinen Nachteil. Wo der Unterschied der beiden Spiele liegt? Zelda lässt sich zeitlich nicht anordnen, ist nicht nach einem realen Bild gestaltet. Dadurch hat es mehr Freiheiten, kann dem Spieler mehr Möglichkeiten bieten, es bietet Optionen. Nun stehe ich als Link glücklich am Strand von Angelstedt und esse meine Palmfrüchte und Maxi-Durians, alles, ohne auch nur einem Tier etwas anzutun.

Tiere töten in Videospielen ist ein schwieriges Thema. Geschichtliche inspirierte Spiele bieten meist einen fundierten Grund, Tiere zu töten. Spiele, die in der Gegenwart oder in einem Fantasieuniversum angesiedelt sind, bieten dem Spieler so viel mehr Möglichkeiten seinen eigenen Weg zu gehen. Außerdem zeigen sie Alternativen auf, das Tiere essen nicht immer einen Vorteil hat, sondern eine gleichgestellte Lösung mit Vegetarismus und Veganismus darstellen kann. Wenn wir jedoch unsere Rüstungen craften müssen, scheitern alle guten Vorsätze. Sei es das Jagen in “Assassin’s Creed Origins”, oder das Schuppen-Abschießen von den Drachengöttern in “The Legend of Zelda – Breath of the Wild”. Jedoch sind Optionen und Varianten an Ernährung ein guter und wichtiger Schritt in eine Zukunft mit mehr Bewusstsein für unser Essen – ob mit, oder ohne Fleisch. Denn das muss am Ende immer noch jeder für sich entscheiden.

Gerade als Vegetarier ist meine Sicht eingeschränkt, selbst, wenn ich versuche ein wenig anders darauf zu blicken. Wo zieht ihr die Grenzen? Und hattet ihr schon mal Probleme damit in einem Videospiel ein Tier zu töten, obwohl oder eben weil ihr kein Fleisch esst?

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Ein Kommentar

  1. Toller Artikel.

    Mir hat sich bei diesem Artikel eine Frage gestellt und mir ist etwas bewusst geworden.

    Mir ist bewusst geworden, dass in vielen Spielen Tiere entweder schmückendes Beiwerk sind oder, wenn sie zum Zwecke des Looten und Levelns vorhanden sind, nicht viel mehr als Objekte sind. Objekte die mir als Figur im Spiel dazu dienen sollen mich zu verbessern oder schlichtweg zu überleben. Ein Aspekt der gerade in den letzten Jahren duch Überlebensspiele eine immer größere Rolle spielen. Und in diesen Szenarien wirkt es womöglich auch Fehl am Platze, wenn ich wählerisch bin bei dem was ich esse oder bei dem was mich schützt. Was mich zu der Frage bringt, die sich mir gestellt hat. In einem Spiel, ist da die Figur die ich spiele eine Eigenständige? Mit eigenen Idealen auch was die Ernährung angeht. Oder bin ich diese Person und drücke ihr/ihm meine Werte auf? Das alles steht und fällt natürlich mit der Frage, ob mir ein Spiel alternativen bietet. Kann ich Nahrung und Energie anders bekommen? Aber woraus bestehen diese Alternativen. Gibt es zum Beispiel einen Händler bei dem ich Nahrung kaufen kann? Doch woher bekommt der nun sein Fleisch? Gleiches gilt für das erstellen von Rüstungen und dergleichen.
    Das Argument der Peta kann ich zwar verstehen, allerdings bildet Assassin’s Creed ja auch immer zeitgeschichtliche Kontexte ab und in diesen gehörte die Waljagd nunmal zur Realität der abgebildeten Zeit.
    Andererseits ist ja die Frage ob wir Tiere haben wollen die Eigenständigkeit besitzen. Agro in SotC reagiert nicht immer sofort auf das was ich als Spieler will. Es ist eben ein Pferd und das hat nunmal seinen eigenen Kopf.
    Wie gesagt, am Ende ist es die Frage, nehme ich Tiere im Spiel in einem ähnlichen Spektrum war wie NPCs, die ich nicht einfach töte, außer sie sind mir feindlich gesinnt. Oder sind sie Dinge, designt einzig und allein um mir Vorteile zu verschaffen?

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