KLARTEXTE: Völlig nackt trotz Kleidung – Brüste und BHs

Brüste sind in der Gesellschaft angekommen. Auch, wenn das Zeigen von Brüsten immer noch nicht ganz willkommen ist. Jedoch wird über Brüste sprechen immer mehr toleriert. BH-frei leben ist ein immer wiederkehrendes Thema, das Instagramer sich auf die Fahne schreiben und Feministinnen aller Art möglichst häufig aufgreifen. Denn egal, ob man nun lieber mit oder ohne BH vor die Türe geht, jede Person mit Brüsten kennt das erlösende Gefühl den BH auszuziehen. Ein vergleichbares Gefühl gibt es vermutlich nicht. Vielleicht die wirklich schlimm kneifende Unterhose, oder einen klatschnassen Pulli. Durch das Internet fand also mitten in der Gesellschaft eine kleine Revolution statt – viele Personen verzichten einfach auf ihre BHs. Doch so leicht ist es nicht für jeden.

Wie alle Themen hat auch die „Free The Boobies“-Idee eine Kehrseite. Wer große Brüste hat, muss BHs zur Stabilisation und Entlastung tragen, denn Brüste können verdammt schwer sein. Schnell hängen ein bis drei Kilogramm vor dem Brustkorb. Und dann gibt es da noch mich. Mit souveränen 85B liege ich im absoluten Durchschnitt. Genetisch stehen meine Brüste auch sogar von alleine ganz solide (danke Mama!) und sie sind sehr pflegeleicht. Trotzdem bricht mir der Angstschweiß aus, wenn der Briefträger klingelt und ich noch im Schlafanzug herumsitze – ich habe keinen BH an. Trage ich keinen BH, fühle ich mich nackt. Als könnte man direkt durch meinen Pulli durchsehen. Dass das darunter relativ unspektakulär ist, spielt hierbei keine Rolle. Trage ich keinen BH und muss unter Menschen, fühle ich mich schutzlos und ausgeliefert. Irgendwie erschreckend, oder?

Sie ist wunderschön. Trotz Brustwarzen. Oder eben gerade deshalb. Sie ist mutig. Foto: Pexels

Keine Brüste, keine Frau

Ich hatte nie große Brüste. Was mich in der Mittelschule sehr belastet hat, stört mich mittlerweile gar nicht mehr. Ein wenig froh bin ich sogar. Kleine Brüste hüpfen nicht so viel herum und haben andere ungeahnte Vorteile, die hier jedoch keine Rolle spielen. Doch die Kommentare der Jungs von früher sitzen immer noch tief. Hattest du mit 13 noch keine „vernünftigen“ Brüste, warst du ein Junge. Trägst du in der 6. Klasse noch keinen BH, warst du ein Junge. „Neutrum“ wurde auch ganz gerne als Beleidigung verwendet, nachdem das Wort im Deutschunterricht präsentiert wurde. Die Jungs sprachen es gezielt an. „Keine Titten, aber sich Mädchen nennen“. Vor einem ganzen Haufen anderen Kindern. Was sagst du dann? Und wenn man mitten in einem Findungsprozess steckt, nicht mal weiß wer man morgen oder gestern ist, war und seien will, helfen diese abwertenden Kommentare nicht. Gerade als es erträglich wurde, folgten die Sport-BHs. Denn, wie gesagt, Brüste hüpfen herum. Was erst mal recht belanglos klingt, ist unangenehm und kann schnell schmerzhaft werden. Doch Sport BHs schaffen Abhilfe, machen aber schnell eine flache Brust. Und da wären wir wieder bei dem Problem. Mir war es unangenehm in die Sporthalle zu gehen, weil ich mit Sport-BH aussah wie ein Brett. Ich fühlte mich nicht weiblich, unattraktiv.

„Sei du selbst“, aber bitte freizügig

Doch auch das legte sich und ich wurde eine, halbwegs, selbstbewusste junge Frau. Spreche offen solche Dinge an, spreche mich für Feminismus aus, versuche Vorurteile zu bewältigen, auch, wenn das bedeutet (immer und immer und immer wieder) lange Diskussionen über die Gender-Pay-Gap zu führen. Ich sehe Instagram-Gurls am Strand herumhüpfen und die Nippel stoßen durch das Top hervor. Sehe die „Realität“, „Be Yourself“ und „Natural Beauty“ überall. Wenn ich jedoch den Müll rausbringen möchte, geht das nicht ohne vorher einen BH anzuziehen. Ich will eine unabhängige und starke Persönlichkeit sein, jedoch hängt mein Selbstwertgefühl an einem Stück (unbequemen) Stoff.

Ich habe Angst, dass mir andere Menschen mit dem Wissen, dass ich keinen BH trage, zu nah kommen. Es klingt verrückt, aber ohne BH fühle ich mich nackt. Egal, ob eine Winterjacke oder ein dünnes Top darüber liegt. Meine Kleidung ist transparent und jeder einzelne Mensch auf der Straße sieht meine Brüste, meine nackte Haut und den Bereich, den ich eigentlich nur mit mir selbst und meinem Partner teilen möchte. Ich fühle mich unsicher. Nicht, weil meine Brüste klein aussehen, weil man (durch die Winterjacke?) meine Nippel sehen könnte, ich fühle mich verwundbar. Das Bild in meinem Kopf ist immer wieder das Gleiche. Was, wenn ich angegangen werde, jemand mich mit Gewalt zu Dingen zwingen will, mich anfasst und den fehlenden BH als „Sie will es doch auch“, „Sie bittet darum“ interpretiert? Als Zuspruch. Er merkt, dass ich kein Schutzschild trage um den Weg zu versperren. Und dieser Gedanke, der (zum Glück) nicht aus irgendwelchen schlimmen Erfahrungen entstanden ist, sondern einfach gegenwärtig ist, macht mir furchtbare Angst und schockt mich jedes mal selbst.

bh frei

Körperliche Privatsphäre ist gleichwertig mit räumlicher. Foto: Pexels

Not asking for it

„Not asking for it“ ist ein virales Phänomen, in dem Menschen dafür aufstehen, dass egal wie aufreizend, minimalistisch oder sexy sie gekleidet sind, nicht darum bitten vergewaltigt zu werden. Männer entschuldigen Missbrauch und Vergewaltigungen mit der Ausrede „Ihre Kleidung war so aufreizend. Wer sich so kleidet, will es doch auch“. „Den Arsch will ich anfassen, ich greife danach“. Kurzer Minirock, die Pobacken blitzen hervor, auch etwas Slip. „Die bittet doch förmlich drum angegrabbelt zu werden“. Jeder kennt diese Sätze. Nicht, weil man sie selber gesagt hat, aber man kennt sie. Man hört sie. Man erlebt sie. Man ist sich der gesellschaftlichen Verhaltensformen bewusst.

Wie viel Negativismus, Rollenverteilung, Einschränkung und Zurechtweisung an einem Stück Stoff hängen können, zeigt genau in diesen Momenten wie rückschrittlich die Gesellschaft ist. Sie kontrolliert Dinge, die nicht kontrolliert werden müssen, nur, damit ein neuer Markt eröffnet werden kann, Geschlechterlinien klarer zu ziehen und zu sagen:“DAS ist eine Frau. Eine Frau hat ihre Brüste in unbequeme mit Draht unterfütterte Körbchen zu packen, weil sie zusätzliches Bindegewebe vor ihrem Brustkorb hängen hat, welches von nun an als Geschlechtsmerkmal und zur Befriedigung von Gelüsten dient“. Ein Stück Stoff. Wir reden von einem Stück Stoff. Den Horror für nicht binäre Personen bezogen auf das Thema möchte ich mir gar nicht erst vorstellen.

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Ich habe ein Fenster vor der Brust. Foto: Pexels

Provozieren von Missbrauch

Dass das Ganze nun soweit führt, dass ich durch einen fehlenden BH das Gefühl habe missbrauchendes Verhalten zu provozieren und schutzloser zu sein, erschreckt mich. Täglich. Jeden Morgen, wenn ich mich dafür entscheide den BH anzuziehen. Zu großen Teilen ist es irrational. Natürlich spielen auch Dinge mit rein, die ich vielleicht einfach noch nicht bemerkt habe. Doch ich entscheide mich für das kleine Schutzschild vor meiner Brust. Und ich werde mich wieder dafür entscheiden. Und das ist absolut in Ordnung, Vorwürfe muss ich mir deswegen keine machen. Ich übe keinen BH zu tragen. Zuhause. Auch, wenn ich mich dadurch direkt etwas „schmuddeliger“ fühle. „Nicht fertig“ oder „gammelig“. Doch Zuhause bin ich sicher. Mittlerweile kann ich dem Postmensch die Türe öffnen ohne einen BH unter meinem T-Shirt zu tragen. Das hat jedoch auch richtig, richtig, lange gedauert. Abgesehen von dem kleinen Selbstbewusstseinstraining, ist auch der gesundheitliche Aspekt ein großes Thema. Brüste verlieren keine Spannung, wenn sie nicht täglich stundenlang „im Körbchen“ hocken. Das Brustkrebsrisiko kann laut einigen Studien damit sogar gesenkt werden (strittiges Thema, Bericht von Singer http://breastnotes.com/bc/bc-causes-singer-brabrcacoverup.htm). Die Brüste heizen sich nicht mehr so stark auf. Vor und während der Periode schwellen die Brüste häufig an, es kommt zu Spannungsschmerz. BHs begünstigen diese Schmerzen. BH tragen hat also bis auf Stabilisierung und Entlastung bei großen Brüsten und visuellen Aspekten keine Vorteile. Trotzdem geht es in erster Linie darum, wie man sich am wohlsten fühlt. Und wenn das bedeutet, dass mir das Weglassen des BHs noch schwer fällt und vielleicht sogar immer schwer fallen wird, ist das okay. Es ist wie immer eine eigenartige Mischung aus gesellschaftlichen Werten, provozierten Ängsten und Selbstbewusstsein. Und vielleicht auch ein ganz, ganz kleines bisschen Gewöhnung. Egal wofür ihr euch entscheidet, macht das womit ihr euch wohl fühlt. Und wenn zu dem Wohlfühlen das Eliminieren von potentiellen Unsicherheiten in Form eines Stück Stoffs gehört, ist das auch vollkommen in Ordnung.

Und egal ob mit oder ohne BH, völlig nackt oder in Winterjacke: No, I’m not asking for it. Meine Brüste, meine Regeln, nicht deine Sache.

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