Momentmacherei – „Der Mann im Zug“

Der 1. September 1993 war eigentlich ein gar nicht all zu kalter Tag, doch der Wind war stark, was eigentlich erst Ende September den nassen englischen Herbst einläutet. Der Bahnhof war vollkommen überfüllt und überall, wo das Auge nur hinschaute waren Menschen. Die große Uhr über Gleis 10 zeigte 10:44 Uhr an. Mit einem weiteren ‚klick‘ schob sich der große Zeiger noch einen Schritt vor und ein lauter Gong ertönte, als er die Neun erreichte.
Er musste sich ranhalten, also schob er seinen Wagen schneller über den abgetretenen, fast schon rutschigen Steinboden, der schon so einige Sohlen von unten gesehen hatte.
Die eirigen Räder ratterten und der Koffer, abgegriffen, aber immer noch einigermaßen in Schuss, verrutschte ein wenig, doch er schaffte es ihn vom Runterfallen zu bewahren. Schnell und ohne weitere Probleme gelang er zum Gleis und stieg dort, mit den vielen anderen in den großen schwarz-roten Zug stieg, der von innen nach Zimt und Kürbis roch. Ein wohlbekannter Geruch, den er so schnell auch nicht mehr vergessen wird. Er erinnerte ihn an bessere Tage, doch diese scheinen in weiter, weiter Ferne zu liegen. Müde rieb er sich die Augen und seufzte.
Seinen Koffer schleppte er mit in das 3. Abteil und setzte sich auf den ein wenig abgewetzten Platz und schaute aus dem Fenster. Wie oft hatte er schon in diesem Zug gesessen? Doch jedes Mal war es ein Abenteuer für sich.
Insgeheim hoffte er, dass sich niemand mehr zu ihm setzten würde, deshalb warf er jedem einen bösen Blick zu, der auch nur auf die Idee kam an dem bronzenen Türknauf zu ziehen. Niemand sollte ihn nun stören, er brauchte Zeit für sich, Ruhe.
 Er war erschöpft, die letzte Nacht war furchtbar anstrengend, wenige Stunden hatte er geschlafen, die anderen war er unterwegs, er braucht dringend eine neue Ampulle von dem Zeug, das ihm ein wenig Ruhe in diesen Nächten bescherte.

cold-snow-black-and-white-train
Sein Atem ging immer langsamer, bis die Erschöpfung ihn komplett einholte und sich über ihn legte wie ein schweres Tuch. Er gab dem dringlichen Gefühl, mit dem Wissen, dass die Fahrt mindestens 9 Stunden dauern würde, nach und lehnte seinen Kopf an die kühle Fensterscheibe und schloss seine Augen. 
In der Ferne vernahm er Geräusche, Stimmen und Gelächter – er hatte nie sonderlich tief geschlafen. Im Halbschlaf merkte er wie das Glas unter seiner Wange immer kälter wurde und die Hand in seiner Tasche fester zugriff.
Durch ein kleines Geräusch wurde er endgültig wach und sah im letzten Moment, völlig verschwommen, die schwarzen Fetzen, hörte den Schrei des Jungen und die besorgten Ausrufe der anderen. Angst kroch über seinen Rücken und breitete sich samt der Gänsehaut auf der Haut und in seinen Innereien aus. Ein Anflug von Panik überkam ihn und eine furchtbare Lethargie legte sich plötzlich über ihn und es fiel ihm schwer seine Glieder zu bewegen. Antriebslosigkeit überschwappte ihn wie eine Welle, doch er schaffte es mit letzter Kraft seine Hand aus der Tasche zu ziehen und ein helles Licht erleuchtete das Abteil. 
Augenblicke vergangen, Momente verstrichen, vielleicht sogar Minuten.
Er reichte dem Jungen etwas und er schaute verwirrt auf.
„Iss die Schokolade, das hilft“, sagte er zu dem Jungen, lächelte und verschwand aus dem Abteil.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.