Assassin’s Creed Origins – Im Kampf gegen Sandstürme und Vergessen

49 vor Christus: Kleopatras Halbbruder Ptolemäus ist an der Macht und verbreitet Angst und Schrecken in ganz Ägypten. In dieser Zeit lebt auch Bayek von Siwa, ein Medjay. Durch einen grausamen Zwischenfall kommt sein Sohn Khemut ums Leben. Mit der festen Überzeugung ihn zu rächen, macht Bayek sich auf, um den Mörder zu finden. Dabei entsteht durch ihn und seine Frau Aya still und heimlich etwas ganz großes. Denn sie kommen langsam dahinter, dass hinter all dem der Orden der Ältesten steckt und die einzige Möglichkeit sie zu stoppen ein kollektiver Mord der Bösen ist. Und so erwächst aus dem Samen der Rache langsam aber sicher eine Bruderschaft heran.

Assassin's Creed OriginsUbisoft geht mit Assassin’s Creed Origins einen mutigen Schritt in eine interessante Richtung. Denn anstatt ihr halbwegs funktionierendes Erfolgsrezept weiterzuführen, versetzen sie uns in eine Zeit vor dem Assassinen-Orden. Eine Zeit vor den Templern, vor allem was wir bisher kannten. Doch die Verbindung zum Orden sollte in Origins stärker sein denn je. Zeit, genau das herauszufinden.

Ägypten, halb intakt, halb zerschlagen durch die Römer und Griechen, ist trotz des Bürgerkrieges ein wunderschönes Land beeinflusst vom Kommen und Gehen der erbarmungslosen Sandstürme. Sand, der ganze Städte verschlingt, verlorene Erinnerungen zwischen den über 2000 Jahre alten Pyramiden, Gräber von bereits Vergessenen und eine Menge Kultur, die Origins zu einem ganz besonderen Teil macht. Ägypten boomt. Eine Kultur mit begabten Bauherren, Landwirten und zivilisierten und emanzipierten Menschen. Die Frauen spielen eine wichtige Rolle, was wir nicht zuletzt an Aya merken. Bayeks Frau ist stark, eindrucksvoll und nicht auf den Mund gefallen. Doch anstatt schnippisch wirkt sie reflektiert, bedacht und charmant. Bayek kennt es aus seiner Kultur nicht anders, als dass Frauen vernünftig behandelt werden und gleichgestellt sind. Mit genau diesem Problem wird Julius Cäsar nun konfrontiert. Da Kleopatra im Laufe der Geschichte keine Chance mehr gegen die Griechen und Römer hat, zieht sie Cäsar zu Rate und geht die mutige Verbindung ein. Cäsar, stets charmant und charismatisch, hält nicht viel von Frauen. Das lässt er uns als Aya deutlich spüren. Ubisoft kontert gekonnt mit deutlichen Statements, die ich für meinen Teil nicht erwartet habe. Seit Ewigkeiten bitte ich um mehr starke Frauen in der Geschichte um die Meuchelmörder und mit Assassin’s Creed Origins sollte dieser Wunsch nun erfüllt werden.

Assassin’s Creed Origins ist ein unsagbar wichtiger Schritt in Richtung starker Frauen in Videospielen. Es ist ein Statement, dass Gleichberechtigung neben Sexismus existiert, und dass es eminent wichtig ist beides zu zeigen. Durch die extremen kulturellen Unterschiede der Römer und der Ägypter wird diese Diskrepanz wunderschön untermalt und legt in einem lächerlichen Nebensatz mehr Gerechtigkeit für Frauen in Videospielen an den Tag, als es manche Spiele über dutzende Spielstunden schaffen. Doch leider zieht Ubisoft es nicht durch, beziehungsweise braucht zu lange, bis sie es durchziehen. Aya ist ein wichtiger Charakter, wenn nicht sogar der Wichtigste in der Geschichte der Assassinen, was sie durch fantastisches Backtracking (schaut euch die Krypta unter Monteriggioni in AC 2 mal genauer an) und epische Szenen klar machen. Trotzdem trauen sie sich nicht, den Fokus komplett auf sie zu legen.

Assassin's Creed Origins

Generell ist recht schwer zu erkennen, worauf Assassin’s Creed Origins den Fokus legen möchte. Denn auf der einen Seite ist es die Gründungsgeschichte der Assassinen, was die sehr träge und teils öde Story rechtfertigt – Gründungen sind nicht immer spannend und brauchen ihre Zeit. Auf der anderen Seite ist es recht belangloses Reisen, das kaum einen Mehrwert mitsichbringt. Wer dem Spiel diese jedoch gibt, wird belohnt. Und zwar mit den vermutlich besten 3-4 Stunden des Franchises. Trotzdem legitimiert das nicht die 35 vorangegangenen Stunden des Grindens und der Belanglosigkeiten, denn darin ist das Spiel leider ganz groß.

Auf einer viel zu großen Karte, auf der die meisten Regionen schlichtweg keine Daseinsberechtigung haben, bewegen wir uns von Stadt zu Stadt. Dabei werden wir mit Fragezeichen und Nebenquests bombardiert. Das mag den ein oder anderen Witcher-Spieler positiv auffallen, mich hat es einfach sauer gemacht. Assassin’s Creed ist kein Witcher. Ich brauche keine “Monsternester”, die einfach anders heißen, ich brauche keine nervigen Nebenquests um die Spielzeit zu strecken, ich brauche gehaltvollen, starken Storycontent, der durchaus vorhanden war, aber auf zu lange 45 Stunden gestreckt wurde. Beendet man die eine Quest, werden 3-5 Level benötigt um die Nächste zu schaffen. Das wirft aus der Bahn, zwingt zum Grinden, macht das Spiel zäh. Haben die Nebenquests dann keine Qualitätsdichte wie beim Witcher, ist es fatal. Und genau daran scheitert Assassin’s Creed Origins so immens. Mit aller Kraft versucht das Spiel vieles zu sein, aber eben kein Assassin’s Creed. Und das muss es für den Anfang nicht mal sein, aber dann bitte auch kein Witcher, kein Dark Souls oder ein anderer Titel. Es soll einfach sein eigenes Spiel sein. Die gewohnte Atmosphäre vermitteln. Den Spieler durch eine gute Story reinziehen und die Spielwelt mit schönen Gimmicks authentisch, immersiv und lebendig gestalten.

Die Story von Assassin’s Creed Origin ist ein riesiger Fortschritt im Vergleich zu den letzten Titeln und kratzt am alten Potential, was die Serie hatte. Teils hat sie sogar stärkere Parts als AC 2 oder Revelations, scheint das Potential aber einfach nicht ganz ausschöpfen zu wollen.

Assassin's Creed Origins

Ubisoft bedient sich an alten Stärken, die das Spiel, gerade in den ersten Stunden, durchaus erträglich machen. Eine Welt, die ihresgleichen sucht. Eine Detaildichte, die alles ein bisschen lebhafter macht und ein Soundtrack, der wirklich gut ist – würde man ihn denn hören. Denn genau wie Unity macht Origins den großen Fehler, dass der Soundtrack gefühlt nie eingesetzt wird. Epische Cutscene? Keine Musik. Spannender Kampf? Keine Musik. Durchstreifen von Pyramiden und Grabmälern? Keine Musik. Die Abstinenz von Musik wirft auf meiner Seite nur noch Fragen auf. Einen wirklichen Grund dafür gibt es nicht, an diesem Problem bricht – zumindest für mich – ein großer Teil der Immersion und der Authentizität; es fehlt genau das, was ich an Assassin’s Creed schon immer geliebt habe. Und genau dafür gibt es eigentlich genug Stoff: die Götter, die Kultur, die Gründung der Bruderschaft, die Welt, die Charaktere, das Land. Nutzt das einfach.

Fazit:

Assassin's Creed Origins

Assassin’s Creed Origins ist sich selbst nicht so sicher, was es eigentlich sein möchte. Ein 08/15 AC-Titel ist es nämlich nicht. Es beschreibt die Gründung der Bruderschaft, was gerne mal ein paar Jahre dauern kann, doch die Geduld wird belohnt. Eine wunderschöne Spielwelt und ein ganz nettes Kampfsystem trösten über diese Streck-Problematik durch Gebiete und Quests mit Levelcap hinweg. Belanglose Nebenquests und Schauplätze führen zu einigen Seufzern und unnötigen Kilometern. Trotzdem ist es ein wichtiges Statement und eine Liebeserklärung an alle weiblichen Assassinen, ein Schritt in die Unabhängigkeit mit der Gründung der Bruderschaft und zeigt eine Menge Liebe zum Detail, der Kultur der Ägypter und Römer. All das bildet ein Spiel, welches zum Kanon des Franchise den wichtigsten und vermutlich größten Teil bisher beiträgt. Wer nach 4-5 Stunden nicht in den Flow kommt, kann das Spiel guten Gewissens weglegen, wer jedoch das Franchise liebt und sich tapfer durch die Städte und die Grindquests schlägt, wird mit den vermutlich stärksten Protagonisten der Reihe, einer Menge Kanon und großartigen Plottwists und Storywriting belohnt.

Meine letzten Worte möchte ich jedoch an Ubisoft direkt richten: Danke für den Fotomodus.

Erscheint am: 27. Oktober 2017
USK: 16
Publisher: Ubisoft
Entwickler: Ubisoft
Konsole: PS4 (gespielte Konsole), PC, Xbox One
Kaufen: Amazon*,  Steam,

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Screenshots stammen von mir
Bildrechte: Ubisoft

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Ein Kommentar

  1. Ich finde den Artikel sehr gut verfasst. Wieso Aya eher nur eine Nebenfigur ist, habe ich auch nicht so ganz verstanden. Eine Assassinin haben Sie sich wohl nicht getraut, warum auch immer. Deshalb wurde vermutlich das Chinasetting mit Shao in die Chronicles ausgelagert, schade. Die Nebenquests sind einfach eine Ubisoft-Krankheit, die bisher unheilbar scheint. Das Problem ist hier wohl, dass AC einfach eine Franchise-Kuh ist und man einfach da nicht genug ins Spiel investiert. Ein Witcher wird 4-5 Jahre vom selben Team entwickelt und man fokussiert sich auf sonst nicht. Klar, sind hier sicher einige Gameplay-Elemente bekannt, The Witcher hat das Gameplayrad jetzt aber auch nicht neu erfunden, spielt aber in seiner eigenen Liga. Die zähe Geschichte habe ich aber auch teils so akzeptiert, weil das Schaffen von so etwas großem ist einfach zäh und braucht seine Zeit. Warum die Musik fast permanent abwesend ist, ist mir auch ein Rätsel. Es ist jetzt nicht so sexy, wenn man durch die Gegend reitet und nur das Färt murren hört. Ich hoffe einfach, dass sie so weiter machen und einfach den Spielern zuhören und Feedback wirklich wieder herzhafter umsetzen. Ich bin auch der Meinung, dass Assassin’s Creed sich mit dem Setting schwerer tut, je moderner es wird. Apropo Moderne: Die Gegenwartstory war ja noch nie ein Highlight, aber die ist einfach seit ACIII ein Witz, entweder kann man gar nichts spielen oder es macht auf verschiedenen Ebenen keinen Sinn. Auch die von AC Origins hat bis auf ein paar kleine Hints und ein Cameoauftritt einfach nichts zu bieten und wirkt mega belanglos.

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