Die Säulen der Erde – Ken Follett – Hass, Krieg und Querbalken

König Heinrich ist tot, und schon ist im England des 12. Jahrhunderts ein Kampf um seine Nachfolge entbrannt. Der Geistliche Francis, der seine Eltern auf grausame Weise durch marodierende Söldner verloren hat, bittet seinen Bruder Philip, inzwischen erfolgreicher Prior eines einstmals heruntergekommenen und der Sünde anheim gefallenen Klosters, um Hilfe, um eine Verschwörung gegen den inzwischen mit dem Segen der Kirche versehenen Thronfolger zu verhindern. Philip macht sich auf den Weg zum Erzbischof von Canterbury und Abt von Glastonbury, der die Macht hat, die Aufständischen aufzuhalten. Gemeinsam mit dem ebenso mittellosen wie begabten Baumeister Tom, der ebenfalls ein schweres Schicksal hinter sich hat, träumt er den Traum einer Himmel stürmenden Kathedrale, die den Wogen der aufgewühlten Zeit standzuhalten versteht und ein ewiges Zeugnis Gottes auf Erden sowie seiner Barmherzigkeit unter den Menschen ist: die „Säulen der Erde“, das größte Bauwerk des Abendlands.

Ein Jahr und vier Monate lang las ich nun an „Die Säulen der Erde“. Dass ich am Ende die letzten 300 Seiten am Stück verschlingen und mit der größten Gänsehaut überhaupt den Buchdeckel schließen würde, hätte ich niemals gedacht.

„Die Säulen der Erde“ ist ein Brocken, keine Frage. Doch er hat alle Berechtigung einer zu sein, denn manche Geschichten erzählen sich nicht auf 400 Seiten. So auch die Geschichte um Tom Builder, Jack Jackson, Philip und Aliena. Tom zieht mit seiner Familie arbeitslos durch Land auf der Suche nach einem Job, und vielleicht sogar einem, der ihm dem großen Traum erfüllt – eine Kathedrale zu bauen. In purer Verzweiflung findet er in Kingsbridge Unterschlupf, doch Kingsbridge braucht gar keine neue Kirche, geschweige denn eine Kathedrale. Doch die Geschichte nimmt ihren Lauf und zwischen Intrigen, Hass, Krieg und Liebe bekommen alle ihre Chance die sie verdienen, die Bösen eingeschlossen.

Hass, Krieg und Querbalken

Die Säulen der ErdeGeorge R.R. Martin war der letzte Autor der es geschafft hat, einen solchen intensiven Hass zu einem Charakter zu schüren, wie Follett es mit William Hamleigh geschafft hat. Jede Pore sträubt sich gegen dieses verdammte Großmaul. Wie so häufig gehen mit Hass gegen den einen auch Sympathie und Empathie für den anderen damit einher. Richard ist nicht grade eine Sympathiebombe, doch Aliena macht einiges gut. Auch Philipp wird recht schnell sympathisch, denn man hängt sich verzweifelt an die „Good Guys“ der Geschichte. Während wir Tom dabei begleiten wie er dann doch seine Kathedrale baut, passiert gefühlt jede Seite etwas Grausameres. Der Krieg scheint immer erschreckend greifbar und nah zu sein, womit Follett das England des 12. Jahrhundert ganz gut einfängt. Er flimmert stets direkt hinter den Feldern außerhalb der Stadt und scheint nur auf eine Gelegenheit zu lauern. Adel lebt direkt neben Armut, die Kirche ist übermächtig und Menschen werden von Hass, Sorgen und Liebe dazu verleitet, unmenschliches zu tun. Auch unsere Protagonisten bekommen das schwer zu spüren. Allen voran natürlich Aliena. Selten habe ich so beschämt und halbherzig über die Zeilen geblickt, in der William an sie Hand anlegt. Ein Schampotential, das Game of Thrones häufig gleichkommt. Dieser Ekelfaktor hat nicht nur einmal dazu geführt, dass ich das Buch weglegen musste, doch auch das muss es geben. Die Geschichte hatte grausame Menschen, also haben fiktive Geschichten das nunmal auch.

Steht die Kirche schon?

Als mein Vater mir das Buch mit „Keine Ahnung, äh, irgendwie sterben alle und die Kirche ist immer noch nicht fertig“ beschrieb, dachte ich, dass er Quatsch labert, doch dieser Satz fasst das Buch recht gut zusammen. Follett ist nicht grade nachsichtig mit Protagonisten und lässt ordentliche viele und auch grausame Tode zu, was jedoch komplett der Epoche geschuldet ist. Die Langatmigkeit des Kirchenbaus hat einen Charme, der es schafft bei Laune zu halten ohne zu langweilen. Im 12. Jahrhundert eine Kirche zu bauen, war nun mal eine Lebensaufgabe. Und entweder man kann sie beenden, oder man sucht sich einen vernünftigen Nachfolger. Follett schafft es, trotz unglaublich ausschweifender Beschreibung, die Story nicht langweilig werden zu lassen. Alles scheint perfekt getimed zu sein, lediglich Alienas Reise nach Spanien scheint ein wenig gehetzt und als hätte der/die Lektor/in ihm 200 Seiten herausgeschnitten.

Lang, aber gut so

Über dicke Bücher mag man sich streiten, warum nicht das Buch teilen? Warum nicht kürzer fassen? Weil es nicht sein muss. „Die Säulen der Erde“ ist kein Zeitungsartikel, „Die Säulen der Erde“ ist ein Epos, ein fantastischer. Die Geschichte die das Buch umfasst ist unglaublich lang und braucht seine Zeit um sich aufzubauen. Folletts Schreibstil ist angenehm, jedoch von der Ausführlichkeit her ein wenig gewöhnungsbedürftig. Doch ohne diese Ausführlichkeit und die Zeit wäre kein Platz mehr für derartige Epik, für so fantastisch geschriebene Charaktere mit Tiefe. Für solch großartige, umfangreich beschriebene Orte, Szenerien und vor allen Dingen Kriege und Hoffnung.

Fazit – „Die Säulen der Erde“ – Ken Follett:

Ein Epos, der nicht kalt lässt. Wer sich die Zeit nimmt um sich in Tom Builders, Bruder Philipps und Jack Jacksons Geschichte ein wenig einzulesen, wird belohnt. Belohnt mit einer fantastischen Welt voll mit Intrigen und Hoffnung in den dunkelsten Zeiten. Ein Buch, das Geschwindigkeit herausnimmt, um sich auf das Wichtige zu konzentrieren. Auf Charakterentwicklung, großartigen Welten und vor allen Dingen Zeit. Denn Follett zeigt ganz großartig, das auch Buchcharaktere ihre Zeit brauchen; um herauszufinden wer sie sind, wo sie hin möchten und warum eigentlich.

 

Erschienen am: 1990
Seiten: 1296
Format: Paperback
Autor:
Ken Follett
Preis: 12,99€
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