KLARTEXTE: „Du bist total aufgedreht, nimm eine Tablette!“ – Modekrankheit ADHS

ADHS ist eine verschriene Modekrankheit. Das ist der Standpunkt vieler Menschen, die das Thema überhaupt nicht betrifft. Doch wie sollte es es anders sein. Sobald man etwas nicht sehen, riechen oder spüren kann, ist es nicht existent. Dass unsere Gesellschaft stehts empfindlich bei solchen Sachen reagiert, ist ja nichts neues. Thema Depressionen, Thema Angst, alles verschrien – man blutet ja schließlich nicht.
Doch grade für Kinder ist das Thema ADHS immer wiederkehrend belastend, grade, wenn man gar nicht weiß warum man eigentlich anders ist.
Jeden Morgen muss man diese Tabletten schlucken, hat auch welche in der Schule dabei, falls man zu hibbelig ist. Die Wirkung spürt man nicht, genau so wenig wie alle anderen auch. Doch sie müssen weiter genommen werden. Jahrelang.

Anstatt mit dem Kind rauszugehen, es zu fordern, oder spielerisch mit Problemen umzugehen, wird stigmatisiert, Schuld zugewiesen, man solle doch bitte „einfach mal ruhig sitzen bleiben“.
Doch es ist kein fehlender Respekt, liebe Lehrer, es ist auch kein Ärgern. Es geht einfach nicht anders.
Natürlich soll das kein Rechtfertigungsprozess sein, aber seht es mal aus dieser Perspektive:
Man steht auf, schluckt eine Tablette, sitzt in der Schule, mit 60 Minuten Stunden, viel zu lang, viel zu unkreativer, trockener Stoff. Die Lehrer werden sauer, weil man malt, mit den Beinen rumhibbelt, mit dem Nachbar redet oder den Kopf auf dem Tisch legt. Sie sehen es als respektlos an, werfen einen raus. Man sitzt vor der Tür und langweilt sich, bis es endlich klingelt, dann rennt man raus. Nachmittags macht man schnell Hausaufgaben, dann fährt man zur Therapie. Eine Stunde lang sitzt man mit der Frau in einem Raum, macht komische Übungen die nicht schwer sind, löst alle Rätsel problemlos, spielt eine Stunde lang Scrabble ohne eine Sekunde mit den Gedanken wo anders zu sein.
Sitzt man dann im Auto auf dem Rückweg, hört man die Musik, schaut raus und stellt sich die Frage „Wieso war ich da? Was macht mich eigentlich anders? Was macht mich schlecht?“.
Die Antwort ist: nichts.

ADHS
Ein Kind kann aufmerksam und gleichzeitig hibbelig sein, auch ein ‚durch den Klassenraum schauen‘ heißt nicht unbedingt, dass das Kind unaufmerksam ist. Vielleicht ist es auch schlichtweg überfordert oder so sehr unterfordert, dass es mit der Aufgabe gar nicht erst klar kommt.
Doch mittlerweile wird all diesen Problemen der Stempel „ADHS“ aufgedrückt.
Bis heute weiß ich nicht, ob ich die ‚Krankheit‘ wirklich habe. Nie war ich überdurchschnittlich schnell abgelenkt, außer ich war schon fertig. Nie war meine Leistung von meinem ‚Problem‘ beeinträchtig. Ich war eine völlig normale Schülerin, habe mal gute, mal nicht so gut Leistungen gebracht.
Doch stehts schwebte dieses Ding über mir, dieses Aushängeschild auf dem „anders“ steht. Die Lehrer wussten von der ‚Krankheit‘, manche nahmen sie als Problemlösung und ließen Sätze wie „Du bist viel zu aufgedreht, nimm mal eine Tablette“, fallen – vor der ganzen Klasse. Und dann sitzt man da, als 12 jähriges Kind, bekommt eine negative Sonderstellung und wird von allen angeglotzt.
Kinder machen sich das zur Waffe und mobben was das Zeug hällt.
Auch Übersensibilität, niedrige Frusttrationsgrenze oder Überempfindlichkeit sind Begleiterscheinungen bei ADHS. Worauf das Ganze dann hinausläuft muss ich wohl gar nicht erst erwähnen.
Doch vielleicht bin ich einfach ein sensibler Mensch und fühle mich schnell angegriffen. Es muss nicht gleich eine niedrige Frustrationsgrenze oder Überempfindlichkeit sein.

Zwei Kinder, eine Krankheit – ADHS

Doch das größte Problem war ein anderer Mensch. Der Junge, der die gleiche ‚Krankheit‘ hat wie ich und doch so unglaublich anders ist.
In so ziemlich allen Situationen reagiert er vollkommen anders, denkt anders und benimmt sich anders, trotzdem steht auf dem Papier ADHS und wir bekamen die gleichen Medikamente.
Wie soll ein Kind, welches schon in der Grundschule ein mal in der Woche in Verhaltenstherapie saß nun verstehen, dass diese zwei Menschen genau das gleiche Problem haben, obwohl sie völlig verschieden sind? Hat ein Mensch Ausschlag, wird ihm auch nicht gesagt, dass er Migräne hat. Wie soll das also hier funktionieren?

Nun stellt sich die Frage: Haben beide diese Krankheit, oder litt eine Person schlichtweg unter Hilflosigkeit der Pädagogen, der Phsychologen oder Überforderung der Eltern?
Verwerflich wäre nichts davon. In unserem Bildungssystem war (Zumindest zu Beginn meiner Schulzeit vor 2001) kein Platz für ‚andere‘ Kinder. Heute gibt es Integrationshelfer, Schulpsychologen und Hilfskräfte, deren einzige Aufgabe es ist, die Kinder auf Brechen und Biegen durch die Schule zu bekommen, und das vor den Augen der anderen Kinder.
Heute fällt es meinen Mitmenschen nicht mehr schwer andere Leute zu akzeptieren, da der Wandel in der Gesellschaft immer weiter voran geht, doch Kinder leiden immer noch und werden es auch weiterhin, wenn kein neuer Ansatz für „Du hast ein Problem, du bist anders und wirst somit auch auffällig anders behandelt“ gefunden wird. Das kann sowohl ein anderer Ansatz bei Mitschülern, als auch bei der benötigten Behandlung des Kindes selbst sein.

Jedes Kind sollte individueller, genauer und früher betrachtet werden. Eltern sollten sich nicht mehr schämen früh mit Kindern zum Psychologen zu gehen, wenn sie auffallende und problematische Verhaltensweisen zeigen.
Trotzdem muss nicht immer alles gleich eine Krankheit oder ein Problem sein. Alle Menschen sind anders, alle Kinder sind verschieden. Anderes Denken und Verhalten deutet nicht unbedingt auf ein Problem hin, sondern auch manchmal auf einen anderen Ansatz Probleme anzugehen, Aufgaben zu lösen oder Dinge zu tun.
Pädagogen sollten mehr Möglichkeiten haben Kinder spezifischer zu beobachten, Entwicklung genauer zu dokumentieren und Kindern mehr individuelle Beachtung zu schenken ohne dabei in unzählige Überstunden oder Burnout-Problematiken zu verfallen. Wie das funktionieren soll, weiß ich leider nicht.
An dieser Stelle kann ich einfach nur hoffen.
Auch Ärzte sollten sich wieder mehr Zeit nehmen und keine Fließbandarbeit tätigen. Doch auch hier: wie das funktionieren soll, weiß ich leider nicht.
Ich wünsche mir genaueres Beobachten, sensibleres Unterstützen, herzlicheren Umgang. Wenn selbst Kinder das nicht mehr wert sind, wer denn dann?

Bild: Pexels

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.