Klartexte: Eines Tages kam ich nicht mehr zurück

Triggerwarnung: Alkoholsucht, neurologische Schäden, psychische Probleme (Depressionen, Angstzustände, keine expliziten Situations-Beschreibungen)

Wie fängt man einen Text über die schlimmsten Monate seines Lebens an? Und vor allen Dingen, wie findet man einen Aufhänger? Die Wahrheit ist, ich weiß es nicht, doch ich kann und will es nicht mehr stillschweigen. Ich habe Essen, ein Dach über dem Kopf und genug Geld um mir Anziehsachen zu kaufen. Eigentlich sollte es mir gut gehen, doch trotz all dem sah ich in den letzten Monaten zu, wie alles um mich herum zerbrach. „Du musst da raus“, ist der vermutlich meist gefallene Satz in den letzten Monaten. Neben „Ich liebe dich“. Genauso absurd wie das klingt, war jeder einzelne Tag. Anfangs habe ich täglich geweint. Ich wusste nicht wohin mit mir, alles schien zu brennen. Eines abends bekam ich den Anruf meiner Mama, ihr ginge es nicht gut. Meine Mutter zog 2014 aus, was für mich ein harter Schlag war. Seit dem war sie in drei Rehas und vier monatiger Behandlung nach einem geplatzten Aneurysma in ihrem Hirn. Dass an dem Abend alles wieder von vorne losgehen würde – ich bin ehrlich, ich hatte es im Gefühl. Ich fuhr hin und plötzlich verlief alles wie in einem Film. Krankenwagen, Sanitäter, fehlende Einsatzwagen, plötzlich acht Leute auf 28 Quadratmeter, meine Mutter krampfend, schreiend und dann war da noch ich. Unter Tränen suchte ich alles zusammen, was die Sanitäter brauchten. Einer kam zu mir, legte die Hand auf meine Schulter und sagte „Alles wird gut“. Nein, wird es nicht. Manchmal wird nicht alles wieder gut. Es geht immer weiter, aber gut, wird es nicht immer. Manche Dinge werden nicht besser, wir gewöhnen uns schlichtweg an sie. Meine Mutter ist seit März im Heim. In der jungen Pflege. Sie hat das geplatzte Aneurysma überlebt, jedoch massive Schäden im Groß- und Kleinhirn davon getragen. Sie ist noch meine Mutter, doch sie ist nicht mehr meine Mama. Die Überlebenschancen bei einem geplatzten Aneurysma stehen 50:50. Meine Mama bekomme ich nie wieder zurück. Ich habe jeden Abend geweint, jeden Abend. Ich tue es immer noch, häufig, auch in diesem Moment. Es ist keine Ermessensfrage und es sind die fiesen Dämonen in mir die mir zuflüstern „Sei doch froh, dass sie nicht tot ist“, nein, so läuft das nicht.

Eines Tages ging morgens um 11 Uhr der Strom aus. Ich wohnte bei meinem Papa. Seines Zeichens arbeitslos, Alkoholiker, schwer depressiv und körperlich im kritischen Zustand. Er hatte die Stromrechnung nicht bezahlt. Es war Wochen nachdem ich erfahren habe, dass ich die Wohnung meiner Mutter übernehmen kann. Ich suche seit 4 Jahren nach einer Wohnung. Was in der beschissenen Luxus-Kleinstadt gar nicht so leicht ist. Und wenn dann mal eine Wohnung in Frage kam, war die Angst zu groß. Die Angst davor einsam zu sein, nicht allein. Stattdessen nahm ich Qualen in Kauf, die mir jetzt erst so richtig bewusst waren. Jahrelang versuchte ich irgendwie für meinen Vater da zu sein, steckte ohne Ende Geld und Nerven in ihn, meine psychischen Probleme wurden schlimmer. Mein Bruder war ebenfalls keine Hilfe. Ich war Ungeziefer in der Wohnung. Keiner mochte mich. Aber froh, wenn ich das Bad geputzt hab, war jeder. Alle meine Freunde und meine Familie sagten mir immer „Zuhause ist eine schlechte Basis um daran zu arbeiten“, aber was sollte ich tun? Ich hatte kein Geld, war Studentin, meine Eltern hatten auch kein Geld um mich zu unterstützen, gesetzlich bekommt man vom Amt als Kind eines Arbeitslosen nur Geld, wenn man mit 25 auszieht. Vorher sehen sie es nicht ein zu zahlen. Ich weinte viel. „Hey, mein Freund kommt am Wochenende, magst du im Bad ein bisschen Ordnung machen?“, ich wurde beschimpft. „Warum ich?“, hörte ich. Nicht nur ein mal, täglich. Weil ich es sonst immer mache, doch ich schwieg. Wir hatten Streit, häufig und laut, mein Vermieter beschimpfte mich. Was mir denn einfallen würde so mit meinem Vater zu reden, fragte er mich. Doch das war nicht mein Vater, nicht mehr. Ich beleidigte nie, sprach meine Ängste aus, die Angst mein Zuhause zu verlieren – dann solle ich doch ausziehen. Doch als eine junge Erwachsene mit generalisierten Angstzuständen ist eine eigene Wohnung ohne jemand anderen ungefähr so furchteinflößend, wie Seiltanz über dem Grand Canyon für jemanden mit Höhenangst. Ich verlor einen Nebenjob, da ich private Probleme mit einem Kollegen hatte. Es wurde entschieden, niemand redete mit mir. Es passierte einfach. Damit verlor ich auch mein Arbeitszeugnis, das mir geschrieben werden sollte. Davon wusste der Kollege jedoch nichts. „So ist das Arbeitsleben halt“. Dann kam meine Mutter ins Krankenhaus, meine Mama, meine beste Freundin wurde aus dieser Wohnung, in der ich heute sitze, getragen und würde nie wieder nach Hause kommen. Und plötzlich ging das Licht Zuhause aus. Mein Vater sagte „Muss ich halt ohne Strom leben“. Einsicht ist ein Wort, das in dieser Wohnung, meinem früheren Zuhause nie existiert hat. Auch auf meiner Seite nicht, doch ich habe mich verändert. Und plötzlich unterschrieb ich den Mietvertrag, hatte Panikzustände, überall waren Beschuldigungen, Vorwürfe, Vergleiche, wer am meisten leidet. Es ging um Geld. Überall waren Spannungen. Ich nahm das erste mal in meinem Leben Antidepressiva. Noch nie hatte ich mich so einsam gefühlt, obwohl ich von Menschen umgeben war.

Doch wie zahlt man ganz plötzlich zwei Mieten, die Kaution, übernimmt die Miete, Strom und Telefonkosten des Monats wo Mama schon nicht mehr hier war. Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Ich wollte mein Sparbuch auflösen, das für die Bafögrückzahlung gedacht war. Doch dazu kam es nicht. Innerhalb von 24 Stunden hatte ich die komplette Kaution plus eine Monatsmiete zusammen. Von Twittermenschen, Leuten, die mich nur wegen meinen Worten kannten. Bis heute kann ich das nicht greifen. Ich entschied mich dazu es anzunehmen – ich hatte eine Wohnung. Zwei Monate lebte ich mit Erspartem, was gar nicht so leicht ist, wenn man eine Wohnung einzurichten hat, keinerlei Teller, Besteck, Handtücher, Gläser, nicht mal vernünftiges Essen. Mein Freund fragte täglich „Hast du was Vernünftiges gegessen? Kannst du Essen kaufen?“. Fragen, die ich geschworen habe niemals in meinem Leben hören zu müssen. Doch ich hatte in der Zwischenzeit Geburtstag. Ging offen mit meinen Problemen um. Wo die einen jede Gelegenheit nutzten und nahmen, kamen andere und gaben. Auch, wenn es mir schwer fiel es anzunehmen, tat ich es. Plötzlich hatte ich Teller, Lampen, Gläser. Ich bekam ganze Umzugskartons mit Utensilien aus zweiter Hand. Ich kämpfte viele Nächte damit die fiesen Gedanken wegzuschieben, musste mir von Freunden hunderte Male sagen lassen „du hast das verdient.“ Dann war die Wohnung fertig. Doch schlafen ging einfach nicht. Es war gruselig, mein Bett stand noch Zuhause. Wochenlang schleppte ich täglich morgens meine PlayStation mit in meine Wohnung, verbrachte hier den Tag und fuhr abends zurück. Ich schlief schlecht. Dann fingen die Vorwürfe an. Zuerst fiel mir der Zustand meines ehemaligen “Zuhauses” auf. Schön und sauber war die Wohnung nach Mamas Auszug lange nicht mehr, doch ich hab irgendwann gelernt wegzuschauen. Trotzdem triggerten mich täglich Teerrückstände an Türrahmen, der Geruch im Raum, einfach alles. Die Wohnung ist versifft, im Bad steht der Schimmel und es riecht nach Rauch. Auf der Fensterbank liegt ein umgekippter Aschenbecher, der vorher mit Wasser gefüllt wurde – es könnte ja brennen. Die schwarze Suppe tropft auf den hellen Teppich. Die Finger meines Vaters gelb und angekaut. Er fing an meine Lebensmittel aufzubrauchen, meine Medikamente, die ich von meinem Ersparten gekauft hatte. Eines Tages bat ich meinen Bruder leiser zu sein. Er schrie mich an „Ich mache hier was ich will, du wohnst hier nicht mehr. Geh doch in deine Wohnung. Niemand will dich hier haben“. Er schaltete das Internet aus (wir hatten seit 4 Monaten weder Internet, noch Telefon – Papa hat die Rechnung nicht bezahlt. 23:34 Uhr:“Du hast gesagt du gehst immer um 11 ins Bett, Lügnerin. Jetzt musst du mit der Konsequenz leben“. Kein Internet mehr zu haben ist das eine, damit aber den Zugang  zu YouTube zu verlieren, wo die Entspannungsübungen hochgeladen wurden, die das Einzige waren, das mich aus Panikattacken zogen und zum Einschlafen brachten, das andere.  

Hier will mich niemand haben.
Ich will mich hier nicht mehr haben.
Eines Tages ging ich.
Ich kam wieder.
Nur zum Schlafen.
Und dann eines Tages.
Kam ich nicht mehr zurück.

Ich wohne jetzt seit 4 Wochen „richtig“ in meiner eigenen Wohnung. Sie ist fertig eingerichtet, ich fühle mich unglaublich wohl. Ich bin Zuhause. Ich schlafe besser, meine Angstzustände wurden besser. Ebenso meine Depressionen. Es mag lächerlich klingen, vor allen Dingen in Anbetracht der Tatsache, dass ich weiter oben im Text gesagt habe „Manchmal wird nicht alles wieder gut“. Doch es stimmt. Manches wird niemals wieder gut. Aber dafür kann anderes gut werden. Und das kann dabei helfen das Schlechte erträglicher zu machen. Meine Angst ist noch da. Jeder Abend ist komisch. Ich kaufte mir am Anfang Schlaftabletten, ich weiß nicht wie ich es geschafft habe, brauchte aber nur eine einzige, weil ich merkte, dass mir nichts fehlte. Meine größte Angst war es immer während einer Panikattacke allein zu sein. Zuhause war ich das nie. Oder doch? Einmal schrie mich mein Vater nachts an als ich ihn weckte, weil ich keine Luft mehr bekam während einer Attacke. „Ich soll ihn nicht so erschrecken“. Er ging wieder schlafen. Ich war die ganze Zeit allein. Hab mich an das Monster nebenan gewöhnt. Doch auch in der neuen Wohnung kam die Panikattacke. Ich war alleine, doch sie ging wieder. Ich brauchte niemanden außer mich. Ich war nicht dumm das alles auszuhalten, es war einfach noch nicht schlimm genug. Doch, es war schlimm genug, es fehlten einfach die Alternativen. Fehlende Alternativen führen zu psychischen Problemen, Geld führt zu psychischen Problemen, Druck und Sorgen führen zu psychischen Problemen. Und Menschen führen zu psychischen Problemen. Immer wieder frage ich mich, ob es okay war, dass ich gegangen bin. Ich mache mir immernoch Sorgen um meinen Vater, weil ich nicht glaube, dass er die nächsten 2-3 Jahre überleben wird, doch ich habe alles gegeben. Viele Stückchen von mir selbst, die eigentlich nur mir gehören sollten. Die dazu geführt haben, dass ich immer kaputter wurde. Der bittere Beigeschmack mag sein, dass es nicht mein Vater ist, der so vieles zerstört hat. Es sind die Drogen. Alkohol zerstört Familien, Menschen. Zigaretten verdünnen die Gefäßwände und können damit zu Aneurysmen führen. Immer noch werde ich belächelt, wenn ich keinen Alkohol trinke. Ich weiß, was der Alkohol mit Menschen anstellt. Das ist kein Abwerten meinerseits, kein Verurteilen derer, die Alkohol anrühren, es ist die nackte Angst. Der Geruch von Schnaps ist dem von Verlust gleich zu stellen. Es riecht wie jemand, der mich krank gemacht hat, den ich dadurch verloren habe. Sehe ich Raucher, frage ich mich, ob sie daran denken, wer außer ihnen daran zerbrechen wird, wenn ihnen ein Aneurysma platzt. Ja, es ist ihre eigene Entscheidung zur Zigarette zu greifen. Doch es hängen immer Leute hinten dran. Immer.

Ich bin nicht enttäuscht von mir, dass ich es so lange ausgehalten habe. Auch stolz bin ich nicht. Aushalten ist keine Stärke, wir sind nicht bei ProSieben. Mein Wert wird nicht an emotionaler Belastungsfähigkeit gemessen oder an dem Schaden den mir etwas zufügt. Viele in meinem Umkreis messen ihren Wert daran. Durch was sie durch mussten, wer am meisten leidet und wer gar nichts verdient. Doch so funktioniert Miteinander nicht. Meine Freunde sagen mir seit Jahren, dass ich Zuhause raus muss, warfen mir jedoch an keinem Punkt vor es nicht zu schaffen. Das ist Zusammenleben. Das ist Rücksicht und Respekt. Wissen wie schwer etwas ist, und es akzeptieren anstatt andere mit aller Kraft ändern zu wollen, ihnen ihre Werte aufzudrängen und sie emotional zu misshandeln, bis sie akzeptieren, dass sie falsch liegen. So funktionieren wir nicht. Nein, so funktioniere ich nicht. Nicht mehr. Ich habe losgelassen. Habe täglich Angst, weine viel, weiß nicht was meine Zukunft bringt. Es wurde nicht alles gut. Aber es wird auch niemals alles gut werden. Vielleicht wird manches gut, aber niemals alles. Doch wir können lernen damit zu leben, auch, wenn es zu manchen Zeitpunkten unmöglich scheint. Vielleicht wird es niemals möglich. Vielleicht aber schon. Genauso darf ich Dinge loslassen, die nicht mehr gut werden. Weil ich sie nicht mehr sehen möchte. Oder ich kann mir Schlechtes annehmen, weil es mir zu wertvoll ist. Meine Mama zum Beispiel. Gut wird es nicht mehr, aber vielleicht besser, oder zumindest okay. Irgendwann. Vielleicht weine ich irgendwann nicht mehr wenn ich sie besucht habe. Ich bin bereit meine Kraft darein zu stecken.

Vor einer Woche stand meine Nachbarin, Mutter von drei Kids in der Wohnung unter mir, vor meiner Türe. Wir redeten über meine Mama. Sie hatte bei weitem nicht alle Infos. Sie schaute mich nur an und sagte:“Es ist an der Zeit an dich zu denken. Nur an dich. Denn nach all dem hast du das Recht glücklich zu werden.“. Das Recht werden mir die, von denen ich es mir seit Jahren wünsche, niemals zusprechen. Und vielleicht ist das ein guter Grund mich mit Menschen zu umgeben, die mir das Recht glücklich zu sein zusprechen, wenn meine Mama, meine größte Unterstützung, das gerade nicht kann. Vielleicht ist es an der Zeit mir das Recht glücklich zu sein selbst zuzusprechen. Und vielleicht versuche ich jetzt einfach alles gut zu machen, auch, wenn seit Monaten alles schiefgeht. Versuche alles gut zu machen für mich. Und nur das, was mir auch gut tut. Weil, auch wenn es mir schwer fällt es zu sagen, ich es verdient habe glücklich zu sein.

Ich kann mir nicht aussuchen wo ich herkomme, aber ich kann bestimmen wohin ich von dort aus gehe. (Danke an Stephen Chbosky, der dieses Zitat in meinem Lieblingsbuch niedergeschrieben hat)

 

An dieser Stelle muss noch gesagt sein, was für tolle Unterstützung ich hatte. Ich bin seit Längerem in einer sehr glücklichen Beziehung, habe fantastische Freunde und allein war ich nie. Doch Einsamkeit hat nichts mit Alleinsein zu tun.

Ich würde gerne die Worte an meinen Papa richten, doch meine Mama war die Einzige in meiner Familie, die jemals meine Texte gelesen hat. Sie hat sie immer gelesen. Jeden einzelnen.

4 Kommentare

  1. Vielleicht hab ich grad Tränen im Auge
    Mich beschäftigt der Satz das es dir in der Wohnung besser geht. Ich werde mal mit meiner Tante Depression reden gehen
    Vielleicht sollte sie ausziehen
    Es tut mir leid wie man mit dir umgegangen ist
    Umso schöner ist all die Hilfe von fremden Menschen
    Fühl dich gedrückt

  2. Wenn du noch Geld brauchst sag Bescheid.
    Anders kann ich dir nicht helfen.
    Wünsche dir viel Kraft, diesen Abschnitt deines Lebens zu meistern.

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