Die Säulen der Erde – Entscheidungen schwer wie Stein

Die Säulen der Erde Spiel

Ken Folletts „Die Säulen der Erde“ ist eins der erfolgreichsten Bücher aller Zeiten – zurecht. Der Epos aus dem Jahre 1989 rund um die Stadt und die Kathedrale Kingsbridge setzte neue Maßstäbe für historische Romane. Schwerwiegende Tragödien, die den Eigenarten der Zeit zum Opfer fallen und Charaktere mit Tiefe und Detailreichtum. Dass dieses Buch als Videospiel funktionieren kann, scheint unmöglich. Wie auch? Doch das Hamburger Daedalic nahm sich dem Thema an und schafft etwas ganz Neues, ohne besonders viel anders zu machen.

Tom Builders Wunsch ist es, eine Kathedrale zu bauen. Sein einziger Wunsch, sein Lebenstraum. Mit seiner Familie zieht er im England des 12. Jahrhunderts durch die Dörfer auf der Suche nach Arbeit, mit kaum genug Geld, um den Tag zu überstehen. Nachdem seine Frau auf tragische Weise stirbt , nimmt alles seinen Lauf. In der Klosterstadt Kingsbridge findet Tom schließlich Arbeit, nachdem die Kirche der Stadt wie durch Zufall abbrennt. Genau dann, als Tom am dringendsten Arbeit braucht. Doch ganz unschuldig sind wir an dem positiven Schicksal nicht. In der Rolle von Jack, Sohn von Ellen, in die Tom sich verliebt hat, stellen wir einiges auf den Kopf und leben das Leben eines Jünglings. Aliena, die Tochter des Grafen von Shiring, verdreht uns den Kopf, doch sie verliert alles, nachdem William Hamleigh den Platz ihres Vaters einnimmt. Ein riesiger Knoten an verwobenen Geschichten und Schicksalen bildet sich um die Klosterstadt und die Grafschaft Shiring, die von keinem Trauerfall verschont bleibt. Auch Bruder Philip, Anwärter auf den Posten den Priors von Kingsbridge, spielt eine entscheidene Rolle, die wir mehr als einmal einnehmen dürfen.

„Die Säulen der Erde“ erschien episodenweise in Bücher gegliedert. Die Unterteilungen markieren Zeitsprünge von Jahren oder gar Jahrzehnten, die für den Verlauf des Epos eminent wichtig sind. Trotz der recht einfachen Form des Point and Click Genres, fühlt das Spiel absolut vollwertig an. Und vielleicht ist das eine verdammt schlaue Art und Weise solch eine Geschichte zu erzählen. Der Spieler durchblättert mehr ein Buch und klickt hier und da auf Dialogoptionen. Genau dort lag meine Angst: Was, wenn es nicht mitreißt?  Was, wenn die Verkäufe stagnieren und es langsam als Flop vergessen auf den Ladentischen liegen bliebt? Doch mit einem Metascore von immerhin 78 Punkten (von maximal 100) toppt es einige andere Veröffentlichungen von Daedalic, wie beispielsweise “Deponia” oder “The Whispered World”. Ein Spiel mit solcher Lesedichte stößt häufig auf Kritik, wenn man nicht gerade auf Textadventures aus ist. Auch das Setting ist kein einfaches, um darin ein Spiel von (bei mir) 24 Stunden Länge einzunisten.

Die Säulen der Erde SpielIch habe mit Caspar Michel, dem Producer von „Die Säulen der Erde“ gesprochen und ihn gefragt, wie man es schafft, mit so einem Spiel zu überzeugen und worauf sie Wert gelegt haben, um in einem engen Feld von unterschiedlichsten Spielern zu bestehen:   

“Die Zielgruppe ist auf den „Follett-Leser“ ausgelegt. Das Spiel sollte also so einfach wie möglich sein, und keine Hürde für einen nicht so Game-versierten Spieler darstellen. Die emotionale Reise und die Möglichkeit sich anders als im Buch entscheiden zu können stand im Vordergrund.“

In Zeiten von Telltale ist das Prinzip des auf eigenen Entscheidungen beruhigenden Spielverlaufes nichts neues, 

und vor allen Dingen kein No-Brainer mehr. Durch Ausschlachtung von „The Walking Dead“, „Batman“, „Guardians of the Galaxy“ und Co,.sicherte sich der Entwickler Telltale zwar großartige Lizenzen, doch über die Zeit auch einiges an Kritik und die Abneigung der Spieler. Die Titel wurden immer belangloser, egal welche Entscheidung getroffen wurde, richtige Auswirkungen hatte es nie. Die Spiele sind so eng gestrickt, dass der eigentliche Schwerpunkt, dass die Spieler den Verlauf des Spieles selbst gestalten können, ganz verloren ging. Wir spielen ein eng geskriptetes Bilderbuch. Nun setzt sich Daedalic in dieses Nest und macht genau das gleiche – nur in gut. 

Es mag der Mittelalterhype sein, dem das Publikum durch Erfolge wie „Game of Thrones“ verfallen ist, dass so ein Titel noch mal auf die durchaus eigenartige Weise Beachtung findet. Auch spielt die Tatsache mit herein, dass Daedalic 2014 zu 51% von dem Buchverlag Bastei Lübbe übernommen worden ist – dem deutschen Verleger Follets Bücher. Gemeinsam entstand also ein Herzensprojekt, das sich sehen lassen kann.

Die Säulen der Erde SpielDurch Emotionalität, schwerwiegenden Entscheidungen, einem großartigen Artstil, viel Liebe zum Detail und mit mutigen neuen Ideen setzten die Hamburger die Geschichte von Jack, Tom, Philip und Aliena nun in Pixeln um. Mit einem gewaltigen, streicherlastigen und intensiven Soundtrack schaffen sie eine Basis für großartige Immersion und erwecken das England in Zeiten von Hunger und Ängsten wieder. Es ist die Art Soundtrack, die sich in der Magengrube einrollt und dort verweilt, bis die angespannte Situation endlich ein Ende finden. Eine falsche Entscheidung kann zum Tod führen, was im Gegensatz zu anderen Vertretern des Genres, wirklich wehtut. Denn Entscheidungen, die im „Vorbeigehen“ getroffen werden, können sogar vor Gericht noch alles ändern. Unelegante Längen der Buchvorlage werden -anstatt sie herauszuschneiden- als Stärke genutzt um die 

Charaktertiefe deutlicher zu machen. Lange Reisen? Der Charakter erzählt uns einfach kurzerhand in kleinen Rückblenden davon. u jedem kleinen Objekt wurden Bibelstellen angegeben, die die Immersion stärken. Genügend Platz für die Charakterentwicklung wurde ebenfalls geschaffen. Die Charaktere sind so, wie wir sie spielen. Vorlaut, ruhig, zurückhaltend oder impulsiv. Ein mutiger Schritt, die Längen zu nutzen, denn Spiele  in 2018 sind schnelllebig, müssen nebenbei laufen, eingeatmet werden können. Spiele dürfen sich keine Zeit mehr lassen. Michel sieht jedoch genau das als Stärke des Spiels an: „Wir wollten die epische Geschichte sprechen lassen, die sich über Jahrzehnte spannt, und die Spieler nicht so sehr durch die Point&Click üblichen Rätsel in den Räumen „festhalten“. Daher sind der Spielfluss der Geschichte und die Dialoge, verbunden mit den Emotionen die man dabei erlebt, die wichtigsten Mechaniken.“

Die Säulen der Erde SpielEin Epos als Videospiel mit Buchvorlage funktioniert. Es sind eben diese bildgewaltigen, handgezeichneten Screens, zusammen mit einem starken, dramatischen Soundtrack mit Wiedererkennungswert, die diese Immersion schaffen. Die Schwere der Entscheidungen und das mühsame, aber detaillierte Worldbuilding heben „Die Säulen der Erde“ zwischen der schieren Menge an Decision-Based-Adventures aus der Belanglosigkeit heraus. Denn auch, wenn sich der Entwickler immer noch stark am Buch orientiert, ist die Entscheidungslast auf den Schultern des Spielers enorm. Es ist ein mutiger Schritt, ein Spiel auf den Markt zu bringen, in dem man sich nicht wohl fühlt. Das England des 12. Jahrhunderts ist kein schöner Ort. Vergewaltigung, Machtspiele, Hass, Geldsorgen, Krankheiten und Dürre sind keine Wohlfühlszenarien. Doch auch solche Spiele muss es geben und umso bewegender und mitreißender sind die Schicksale, die wir mit einem Mausklick verändern können.

Auch Leser des Buchs sollten ordentlich Spaß an dem Spiel haben, jedoch habe ich meine Schwierigkeiten gehabt, intuitiv anders zu entscheiden als im Buch, es ist einfach im Kopf drin. Michel riet mir deshalb, das Spiel auf jeden Fall noch mal zu spielen und alles anders zu machen. Möglichkeiten gibt es schließlich genug.

Danke an Daedalic für den Promocode!

Erscheint am:  14. August 2017
USK: 16
Publisher: Daedalic
Entwickler: Daedalic
Konsole: PS4, PC, Xbox One
Kaufen: Amazon*,  SteamPS-Store

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