Azurblau für zwei – Emma Sternberg – Von problematischen Beziehungen

“Ein Sommer auf Capri. Persönliche Assistentin für Recherche- und Schreibarbeiten gesucht.” Als Isa diese Anzeige liest, ist sie gerade an einem seelischen Tiefpunkt angekommen. Also packt sie kurzentschlossen ihre Koffer, fliegt nach Capri und findet sich in einer wunderschönen Villa am Meer wieder. Hier lebt die glamouröse Schriftstellerin Mitzi, die mit über 80 ihre Erinnerungen aufzeichnen möchte. Während der Arbeit an dem Buch kommt Isa zur Ruhe – und Mitzi wird immer aufgewühlter. Denn tief in ihrer Erinnerung verbirgt sich eine große Liebe, die nie erfüllt wurde …“

Manchmal beginnen Dinge im Leben großartig. Man genießt jede Sekunde, die komplette Situation, in der man sich befindet. Blättert federleicht durch Seiten, kuschelt sich ins Sofa, die Sonne scheint angenehm warm aufs Gesicht. Und dann geht alles den Bach herunter.

„Fünf am Meer“ von Emma Sternberg hat mich damals aus den Socken gepustet. Tolle Charaktere und eine leichte, recht einfache Liebesgeschichte, die jedoch nicht im Mittelpunkt stand.. Die Freude auf „Azurblau für zwei“ war dementsprechend groß. Als das Buch bei mir eintrudelte, konnte ich es kaum erwarten, verschlang die Seiten; ja, ich mochte es. Doch im Gegensatz zum Buch läuft es im Leben halt manchmal scheiße. Dazu gehört zu erkennen, dass ein Buch, das man echt gerne mag, plötzlich einen nervigen, Mansplaining-Plottwist nimmt und sich hartnäckig daran festbeißt. Dass Liebesromane ein Minenfeld sind, sollte für uns alle nichts neues sein, auch Sternbergs neuer Roman reiht sich unter den anderen Oberflächlichkeiten perfekt ein: Schöne diverse Charaktere, dann war plötzlich war Luca da. Luca ist perfekt. Natürlich ist er das. Wunderschön, Polizist mit Kinderwunsch und charmant wie es ein Klischee-Italiener gefälligst zu sein hat. Isa ist ein spannender Charakter, weil sie gebrochen ist. Sie bietet Chancen, auch mal schlechte Seiten des Lebens offen zu legen.

Azurblau für zweiNiemand sollte vorschreiben, woran Menschen zu Grunde gehen dürfen. Dieses bevormundende Verhalten ist toxisch, gefährlich und schädlich. So weit, so gut. Was das mit Luca zu tun hat? Isa kann keine Kinder bekommen. Es war immer ihr größte Wunsch, mit Alex – ihrem Ex. Doch auch nach unzähligen Arztterminen und allen möglichen Experimenten wurde klar, dass es nicht funktionieren wird. Und dann ist da plötzlich dieser wunderschöne Inselpolizist, der behauptet, dass man, auch wenn die Medizin dagegen spricht, doch einfach nur ganz feste daran glauben muss. Die Tatsache unfruchtbar zu sein, kann schwere psychische Probleme auslösen, Menschen zerstören. Um damit umzugehen braucht man eine Psychotherapie, falls man nicht in der Lage ist es zu verarbeiten. Aber wer braucht Psychotherapien, wenn der wunderhübsche Luca einem in die Augen schauen kann und sagt:“Hast du es schon mal mit Liebe probiert? Hast du es schon mal mit Glauben probiert?“. Auch, wenn die schwierige Textstelle anders ausgelegt werden kann, sind Sätze wie „Es mag sein, dass Kinderlosigkeit Schicksal ist, aber wir sind ein neues Schicksal“ definitiv, lasst es mich vulgär ausdrücken: Bullshit.

Dass der hübsche Typ in Liebesromanen häufig eine Erleuchtung für die Frau ist ihr Leben zu ändern, ist nichts neues, das wissen wir alle. Trotzdem sind es diese schwierigen Klischees, die sich weiter durch unsere Medien ziehen. Wenn in einem Jugendbuch gefährliche und ungesunde Liebesmodelle angeprangert werden, zum Beispiel Stalking romantisiert wird, geht der Shitstorm los. Passiert vergleichbares in der Belletristik, schweigen alle still. Man ist erwachsen, man kann differenzieren.

Nicholas Sparks ist entgegen der Erwartung tatsächlich ein sehr positives Beispiel, wie man toxisches und problematisches Verhalten aufarbeiten kann. Sparks Bücher laufen immer nach dem gleichen Schema ab. Jemand erlebt einen Schicksalsschlag und begegnet danach einer Person. Sie verlieben sich, doch einer der beiden hat ein Leiche im Keller. Sei es der stalkende Exfreund, Morddrohungen, Abhängigkeiten und so weiter. Anschließend kommt es zum Showdown und dann sind alle glücklich. Während man über die Qualitäten von Sparks streiten kann, geht er problematisches Verhalten konsequent an. Sexistisches Verhalten wird beim Namen genannt, Gaslighting (psychischer & emotionaler Missbrauch) wird aufgeklärt und ist ein Trennungsgrund. Die Charaktere sind menschlich, haben Fehler und verstehen, dass man manchmal auf Liebe verzichten muss, wenn einem der andere nicht gut tut. Denn man selbst geht immer vor.

Es ist der Drang nach rosa Zuckerwatte am Ende, der uns dazu verleitet, Verhaltensweisen wie Gaslighting und emotionaler Manipulation zu akzeptieren, denn wir brauchen den Twist. Wir brauchen den Streit, bevor am Ende alles wieder gut geht. Dass in dem Moment aber jemand deutlich die Fäden in der Hand hält, über eine andere Person entscheidet und mit schlechtem Gewissen zu einer Entscheidung getrieben wird, übersehen wir. Weil der Sonnenuntergang in Capri wunderschön ist, das azurblaue Kleid im Wind flattert und jahrelange Liebe und tolle Geschichten in der Luft liegen.

An dieser Stelle erspare ich mir die Erklärung, warum es zusätzlich unangemessen ist, als Mann einer Frau zu sagen „Du musst nur dran glauben!“, wenn sie faktische keine Kinder kriegen kann. Hierbei gibt es einfache Regeln: Kümmere dich um deinen Scheiß. Deine Geschlechtsorgane, deine Hormone und deine Reproduktion.

„Azurblau für zwei“ ist eigentlich eine echt schöne Geschichte, wäre da nicht der zwanghafte Drang perfekt zu sein. Der Drang, dass alle glücklich werden müssen, dass es immer ein Happy End geben muss. Wer über schwierige Themen schreibt, muss sich informieren. Das geht viel weiter als googeln, wieso man unfruchtbar sein kann. Es geht um Recherche, welche psychischen Auswirkungen das auf jemanden haben kann. Vielleicht mit Betroffenen reden. Bücher sind für die Ewigkeit, also brauchen wir Autoren, die sich ihrer Wirksamkeit bewusst werden.

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