KLARTEXTE: Erfahrungen statt schlechte Entscheidungen

Auf meiner Couch sitzt ein älteres Pärchen. Auf meinem Schoß sitzt ein wunderschöner Mischlingshund – Milo. Wir kennen uns seit 15 Minuten. Er strahlt mich an, stupst seine Nase gegen meine und legt sich dann in meinen Schoss. Ich kraule ihn gemächlich, während ich mit dem Pärchen spreche. Vier Stunden lang bleiben sie. Milo und ich hüpfen draußen über die Wiese, ich ermahne ihn, dass er die Nase von meinen Möhren lassen soll. Er trinkt, spielt eine Stunde völlig alleine auf dem Boden, weil wir Erwachsenen beschäftigt sind. Draußen geht er großartig an der Leine, wir üben direkt „Halt!“ und „Komm!“ an Straßen. Er spielt mit. Danach fällt er müde in meine Arme und wir kuscheln, er schläft ein. Doch Milo muss wieder mit dem Pärchen mit. Wir führen eine Vorkontrolle durch. Es werden Fragen gestellt, die meisten von mir. „Ist er wirklich ein Anfängerhund? Ich habe nicht die Ressourcen einen Problemhund zu nehmen. Ich will ihm gerecht werden“, ja, ist er. Absolut. „Ist er denn so aktiv wie andere Hunde seiner Rasse? Weil die Wohnung ist ja nicht besonders groß“, nein, ist er nicht. Er ist tiefenentspannt. Super ruhig und mit ihm spazieren reicht aus. „Hat er Ängste? Muss ich auf irgendetwas achten?“, nein, er ist völlig angstfrei. Reagiert auf Neues entspannt und neugierig. „Glauben sie wirklich, dass der Platz reicht? Oder braucht er eher Garten und Auslauf. Viel Platz?“, nein, absolut nicht, ihm wird der Platz reichen. „Was ist, wenn es nicht funktioniert?“, es soll alles zu 100% klappen und der Hund und der Besitzer müssen sich von der ersten Sekunde an wohlfühlen. Wenn was ist, kann ich einfach nur kurz durchrufen. Wenn die Entscheidung steht, soll ich sofort Bescheid sagen. Damit er überhaupt nicht mehr zurück muss, oder sich nicht an mein Zuhause gewöhnt, falls es nicht klappt.

Vier Tage später steht Milo vor meiner Tür. Ich strahle, er strahlt. Er hat vielleicht sein neues Zuhause gefunden. Wir haben uns um Probetage bemüht, denn ich will schließlich das Beste für den Hund. Das Zuhause muss perfekt passen, wir müssen connecten. Er soll ein Zuhause für immer finden, nicht nur temporär.

Der Tag vergeht.

Abends sitze ich weinend auf der Couch. Mein Freund schaut mich an und sagt:“Es geht nicht, oder?“, ich schüttel den Kopf und er nimmt mich in den Arm. An diesem Tag ist viel passiert. Wir rufen die Pflegestelle an. Er kam aus einer Familie 30km entfernt, mit zwei anderen Hunden, einem riesigen Garten, und Erfahrung mit Hunden. Die Frau rastete völlig aus. Es war doch klar, dass er super viel Auslauf braucht und die Wohnung zu klein ist, dass er ein Paradebeispiel für die Rasse ist und Ängste vorhanden sind. Sie gingen davon aus er bleibt für immer. Während mein Freund mit der Dame telefoniert, ihr sagt, dass die Reaktion nach den vorher besprochenen Konditionen unverschämt ist, liegt Milo auf der Couch und schläft. Der Freund schnappt sich den Wurm und bringt ihn zurück zur Pflegestelle. Ich rolle mich weinend ein, etwas erschlagenen von der Schwere der Entscheidung und von der Leere in der Wohnung. Eine Stunde später kommt der Freund nach Hause. Wir reden bis tief in die Nacht darüber.

Meine Entscheidung war die Beste, die man hätte treffen können. Es geht um ein Tier. Es ist eine Entscheidung für immer. Ich kann keinen Kompromissrahmen bieten, das habe ich mir selbst von Anfang an klar gemacht. Sagen „Ja, dann behalte ich ihn halt trotzdem“. Nein, nicht bei einem Lebenwesen. Es geht um Vertrauen. Gerade in einer Zeit, in der Hunde aus Tötungen gerettet werden, auf der Straße aufgegabelt werden oder von Züchtern aufgezogen werden. Ein guter Kontakt ist alles. Es wird ein lebendiges Wesen an mich weitergegeben, das Liebe braucht, für das ich bereit bin mein Leben zu ändern. Das ich an meiner Seite haben mag, mit dem ich Abenteuer erlebe. Und plötzlich steht der Hund vor dir und du merkst, dass nichts von dem Gesagten stimmt. Dass alles Lügen waren. Was ist dann die richtige Entscheidung? Die richtige Entscheidung ist das Beste wollen. Und auch, wenn mir die Entscheidung furchtbar weh getan hat und ich täglich drüber nachdenke, war es das Beste für Milo nicht mehr hier zu sein. Ich könnte es mir nicht verzeihen den Hund an Bedingungen zu knüpfen, die ihn kaputt machen würden. Zu wenig Platz, zu wenig Auslauf, kein Ersthund zur Orientierung und vor allen Dingen zu wenig Erfahrungen meinerseits.

Umso schockierender ist der Handel mit den Tieren, den ich bezeugen durfte. Im Internet werden die Hunde angepriesen wie sehr teure Handtaschen, im Tierheim sitzen die schweren Fälle (zumindest bei uns). Jeder beschriebene Hund ist perfekt. Ängstliche, traumatisierte Hunde sind „schüchtern“ und „zurückhaltend“. Hunde, die noch nicht stubenrein sind werden als stubenrein angegeben. Die Tiere werden als ruhig, zurückhaltend, anfängerfreundlich und dankbar beschrieben. Den Gedanken, dass der Fehler bei mir liegen könnte, schmiss ich recht schnell über den Haufen. Auch die ethische Frage, ob ich ein Tier zwingend behalten muss, obwohl ich schon weiß, dass es etwas anderes braucht, als ich bieten kann, lässt sich nur mit deutlichen “Nein!” beantworten. Eingewöhnungsphasen hin oder her.

Es schmerzt, dass ich die Erfahrung mit Milo machen musste, weil er mir fehlt. Und ich wünschte so sehr es hätte geklappt. Doch umso glücklicher bin ich, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Denn Probetage gab es, zumindest der Pflegestelle nach, bisher generell nicht. Wie viele Tiere landen irgendwo weil „zurückgeben“ keine Option wäre? Wie viele Menschen lassen den Hund verkommen, verziehen ihn, weil sie nicht die Hundeschule besuchen? Wie viele Menschen verletzen sich und die Tiere, weil sie mit ihren Kompetenzen am Ende angekommen sind, weil sie aus Verzweiflung handeln?

Es ist unsere Verantwortung richtig zu entscheiden. Unsere Verantwortung ermessen zu können, was wir, unsere Wohnsituation, unser Umfeld bieten können. Es gibt für jeden das passende Tier. Das Tier, bei dem es vom ersten Moment funkt. Für das man vielleicht sogar bereit ist Umstände zu ändern, zu verbessern. Der Hund, der ein Leben lang an deiner Seite sein möchte. Ich wünschte es wäre Milo. Doch Milo gehört nicht in meine Singlewohnung mit 35qm2 im 2. Stock. Milo gehört in ein großes Haus. Mit direktem Zugang zum Garten, wo er stundenlang rumtollen kann. Milo braucht einen Ersthund, an dem er sich orientieren kann. Milo braucht einen Besitzer mit Erfahrung. Denn Milo ist ein Problemhund. Und ihm kann ich das richtige Zuhause nicht bieten. Es ist schwer sich das einzugestehen, aber das Beste wollen ist ein gesunder und verantwortungsvoller Anfang.

Die Entscheidung zu treffen sein Leben mit einem Tier zu teilen, sollte gut durchdacht sein. Dazu gehören auch Listen mit Finanzen, ein Überblick was die Tiere dürfen, eine Hundeschule, die Umgebung muss passen. Leider gehört auch das Wissen dazu, was einen erwartet. Wenn es ein Hund mit bestimmten Problemen ist, sollte man darüber Bescheid wissen und sich darauf vorbereiten können. Bei meiner Erfahrung mit Tierrettungsorganisationen habe ich gelernt genauer hinzuschauen. Denn auch, wenn es viele gibt, die ebenfalls das Beste wollen, bleibt die Tatsache bestehen, dass manche Pflegestellen den Hund einfach nur so schnell wie möglich loswerden wollen. Macht Probetage, so entblößt ihr die Katze (den Hund) im Sack und wisst, ob ihr dem Kerlchen gerecht werden könnt. Kauft nicht impulsiv. Geht nicht hin, sagt „Oh der ist süß, dem kann ich das perfekte Zuhause bieten, hier die 320€ Schutzgebühr, Tschüss!“, sondern besteht auf Probetage, um auch die bisherigen Besitzer zu testen. Vielleicht führt das Bestehen auf Probetage auch dazu, dass Vermittler ehrlicher sind. Dass wir ein bisschen mehr an die Tiere denken und weniger an uns. Und die Entscheidungen, dass man den Hund nicht möchte, aus welchen Gründen auch immer, stets unterstützt wird. Denn nur so ist dafür gesorgt, dass der Hund ein glückliches Zuhause bekommt. Denn in einem Haus, in dem ein unsicherer Besitzer wohnt, der eigentlich nicht so richtig glücklich ist mit dem Tier, wird auf Dauer niemand glücklich.

Informiert euch und bereitet euch gut vor, aber bedenkt, dass ihr nie die Sicherheit habt, dass alles gut geht. Denn auch die beste Vorbereitung schützt euch nicht davor, auf die Nase zu fliegen. Aber wenn es gut geht, habt ihr vielleicht einen neuen Freund fürs Leben gefunden.

 

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