KLARTEXTE: Ich dachte, wir hätten das geklärt – PASTEWKA Staffel 9

Dieser Artikel enthält Spoiler zur 9. Staffel Pastewka

Bastian Pastewka ist einer der wenigen deutschen Comedians, über die ich noch lachen kann. Zumindest dachte ich das. Die Serie Pastewka habe ich als Kind schon gerne geschaut und als dann alle Staffeln und die Rechte von Amazon übernommen wurden, habe ich mich tierisch gefreut. Schaute alle Staffeln auf einmal. Die Tatsache, dass ich die alten Staffeln mochte, tröstete mich darüber hinweg, dass die 8. Staffel nicht unbedingt eine Meisterleistung war. Der Vibe war weg. Nun erschien letzten Freitag die 9. Staffel und ich habe ganz vergessen, wie legitim es anscheinend ist, Sexismus, Körperverletzung und Stalking in ein Comedyprogramm einzubinden – darf man ja wohl noch drüber lachen! Weil sonst können wir ja über gar nichts mehr lachen, richtig?

Die 9. Staffel schließt nahtlos an die 8. an und Bastian hat einige Probleme damit, die Scherben der letzten Jahre aufzukehren. Was als witzige Idee beginnt, wird ganz schnell unfassbar unangenehm. Jedoch nicht, wie Pastewka immer ein bisschen unangenehm ist, darum geht es in der Serie schließlich, sondern so unangenehm, dass sogar mein Freund sind mit der flachen Hand vors Gesicht schlug. Wie und warum die Schreiber maßlos scheiterten, und die ein oder andere Frau in der Regie, oder zum „einfach mal drüberschauen“ definitiv nicht geschadet hätte? Lasst es mich erläutern.

Die 9. Staffel Pastewka geht respektlos mit den Themen Stalking, Sexismus und Körperverletzung um. Man spürt an allen Ecken und Enden den verzweifelten Versuch der Schreiber irgendwie lustig zu sein und ins aktuelle Zeitgeschehen hineinzupassen. Auf dem Weg nehmen sie wirklich alles mit. Ich meine, wir müssen uns sogar mit Chris Tall in der Badewanne abfinden. Chris Tall, der Witze über Jedermann legitimieren will, weil man schließlich über Schwarze auch lachen muss. Und über Behinderte. Weil es wäre ja Diskriminierung ist, wenn man es nicht tut. Genau der Typ, der betont wie wichtig das Aufziehen von Randgruppen ist. Als weißer, heterosexueller Cis-Mann in Deutschland. Chris Tall, quasi die Koryphäe in Erfahrung als Teil einer Randgruppe. Doch dass Chris Tall das kleinste Problem an der Staffel ist, habe zugegebener Maßen nicht mal ich erwartet.

Der Plot der Staffel ist wie immer Bastian, der Scheiße baut und diese versucht zu lösen. Damit baut er noch mehr Scheiße. Bastian und seine langjährige Freundin Anne sind kein Paar mehr. Anstatt das Thema abzuschließen, wählen die Schreiber die asozialste Art und Weise es zu verarbeiten. Bastian kann schließlich nicht einfach weitermachen, sondern er muss Anne zurückhaben. Deshalb stellt er legitimerweise (!??) eine Kamera auf, die Anne in ihrem Büro beobachtet, damit er sie an der Cafeteria abfangen kann. Er führt ein Audiologbuch über Annes Verhalten, während diese ihm MEHRFACH deutlich sagt, er solle sie in Ruhe lassen und sie nicht mehr belästigen. Es erschüttert mich, dass niemand im Schreiberbüro direkt gesagt hat:“Leute, das können wir nicht machen. Stalking ist an keiner Stelle lustig“. In Pastewka anscheinend schon. Comedy darf ja alles. Auch ein paar fiese Seitenhiebe zur „MeToo“ Kampagne werden abgelassen. Sich über sexuell missbrauchte Menschen, genötigte, gestalkte und teils für immer kaputte Menschen lustig machen – DARF ER DAS?

Als wäre das nicht genug, sehen wir noch wie Bastian seine Machtposition maßlos missbraucht. Das Verhalten wird lediglich mit abwertenden Kommentaren, der sowieso als Krawalltussi gebrandmarkten Svenja, gestraft. Es geht ums Thema Impfen. An dieser Stelle sei gesagt, dass Impfen wichtig ist. Man gefährdet nicht nur sein eigenes Kind, sondern alle anderen Kinder in der Umgebung ebenfalls, wenn man Ausbrüche von Krankheiten provoziert, die man durch Prävention verhindern kann. Svenja argumentiert damit, dass Impfen Autismus ausbilden könnte. Natürlich ist das kompletter Quatsch, rechtfertigt aber an keiner Stelle, dass Bastian sich das Kind schnappt und es selber impft. Ja, er kann es super beschissen finden, doch kurzerhand dem Kind ohne Erlaubnis der Eltern eine Nadel ins Bein rammen zu wollen, ist nicht nur übergriffig und nötigend, es IST verdammte Körperverletzung und an keiner Stelle nachvollziehbar, witzig oder legitim. Auch nicht, wenn es in einer Comedyserie stattfindet. Übrigens auch nicht, wenn es Anne macht. Macht von mir aus den hundertsten Veganer-Witz, die kann ich wenigstens schlecht finden, aber wenn strafrechtlich verfolgbare Aktionen passieren, die in irgendeiner Art und Weise für den Zuschauer „relatable“sein sollen, ist es einfach zu viel. Hat die deutsche Comedybranche keine anderen Themen?

Nicht zuletzt packen sie einfach noch einen Stalker mit in den Topf, damit wir so richtig was zu lachen haben. Denn Annes Freund ortet ihr Handy, verfolgt sie, weil er ihr nicht traut. Was nach einer Kleinigkeit klingt, ist so massiv falsch und absolut kein Comedymatieral, dass es wehtut. Mein Freund hat auch meinen Standort zu Sicherheitszwecken, bei Nacht zum Beispiel, verwendet er den jedoch auch nur ein mal um zu kontrollieren, wo ich mich hinbewege und um mich zu verfolgen und auszuspionieren, ist er nicht nur sehr bald single, sondern hat sofort eine Anzeige am Hals. Bei Pastewka wird es weggelacht. Anne sagt quasi „Ihr könnt mich beide mal“und lässt sie alleine im Wald zurück. „Richtiger Bitch-Move!“, sollen sich die Zuschauer denken. Jedoch ist es die einzige richtige Reaktion, weil im wirklichen Leben alle anderen Reaktionen verdammt gefährlich werden können. Zwei Männer im Wald mit einer Frau, auf die beide sauer sind. In Pastewka sind die Männer zwar, abgesehen von der Tatsache, dass sie sie ganz legitim stalken und belästigen, sanfte Schäfchen, jedoch bereitet es mir Kopfschmerzen, dass Anne in dem Moment als Zicke wahrgenommen werden soll. Zwei Männer, eine Frau, sie haut ab und der Zuschauer soll sauer auf sie sein. Sagt mal, seid ihr völlig bescheuert? Es kann doch nicht euer verdammter Ernst sein, liebe Schreiber. Das ist nicht nur nicht lustig, das ist fahrlässig. Wie viele Vergewaltigungsopfer müssen noch in den Nachrichten stehen? Wie viele „nach Hause telefonier“-Dienste soll es noch geben, bis endlich mal verstanden wird, dass man darüber nicht lacht?

Serien dürfen Scheiße bauen, dürfen gut und doof gefunden werden, jedoch sollten sie niemals gefährdende Verhaltensweisen legitimieren. Eine Krimiserie legitimiert Mord schließlich auch nicht, da kommt der Mörder hinter Gittern. In der 9. Staffel Pastewka wird niemand gestraft, lediglich mit zwischenmenschlichen Konsequenzen. Die jedoch spätestens im letzten Shot keine Rolle mehr spielen, weil alles tutti ist und der arme, gestrafte Bastian vermutlich sogar noch eine Chance bei „seiner“ Anne bekommt.

Die Verharmlosung von Stalking, Sexismus und Körperverletzung führt dazu, dass wir Menschen nicht mehr ernst nehmen. Wenn jemand um Hilfe bittet, weil der Freund einen beobachtet, ausspioniert oder stalkt, sagen wir dann in Zukunft:“Ach kommt, so schlimm ist das nicht. Er mag dich halt“, so wie es uns Pastewka vermittelt? Der arme Bastian ist halt verliebt! Unterscheiden können zwischen Serie und wahrem Leben ist leider keine Regel. Das sollten wir wegen der gestiegenen Selbstmordrate unter Jugendlichen spätestens nach „13 Reasons Why“ verstanden haben.

Pastewka überschreitet maßlos die Grenzen, was vermutlich ein Ergebnis des Drucks der Branche ist, was das noch lange nicht legitimiert. Es bereitet mir Bauchschmerzen, dass das Feedback zur 9. Staffel größtenteils männlich ist.

Auch ich war in der Situation, dass meine Grenzen überschritten wurden, ich mit Polizei drohen musste und auf ein mehrfaches „Lass mich endlich in Ruhe!“ nicht reagiert wurde. Der Mensch wusste, wo ich wohne, wo ihr zu Schule ging, kannte meine Online-Profile und jeden einzelnen Text und konnte mich von seinem Haus aus fast sehen. Es treibt mir kalte Schauer über den Rücken, dass so etwas einen Platz in einer Comedyshow hat. Und genauso unangenehm ist es zu lesen, wie vor allen Dingen Männer das feiern. Und dann wird alles gut. Bastian kommt ohne Strafe davon und bekommt am Ende wie gesagt auch noch das Mädchen.

Stalking wird einem nicht das Mädchen zurückbringen. Stalking ist eine Straftat, illegal, kann jemanden ins Gefängnis bringen. Mit Stalking gefährdet man Leben, baut eine Blase von Unsicherheit und Angst in ein Leben, in das man nicht mehr gehört. Es überschreitet Grenzen, verletzt Menschen und gefährdet Familien. Stalking ist NIEMALS okay! Nicht wenn es Bastian Pastewka als Seriencharakter macht, nicht wenn es der super hotte Freund macht. Und am aller schlimmsten ist es, wenn es unverfolgt und ohne Stafe in Serien porträtiert wird. Denn die Medien haben eine verdammte Verantwortung und da sie mittlerweile so fest im Alltag von uns allen verankert sind, auch einen riesigen großen Einfluss, den niemand verschweigen kann.

Ich respektiere Bastian Pastewka als Comedian sehr. Ich mochte es, dass er in der Vergangenheit in der Serie immer mit seinen Konsequenzen leben musste. Er hat Mist geredet oder Scheiße gebaut? Es hatte Folgen. Er ging zu weit? Es hatte Folgen. Ich mag seinen Humor und, dass er immer sich selbst auf die Nase gelegt hat und nicht Witze auf Kosten anderer gemacht hat. Doch ich hätte mehr erwartet. Ich weiß nicht, wie eng die Verkettung ist, die Verpflichtung, wenn man für eine Staffel unterschreibt. Trotzdem sollte man für moralische Grundsätze einstehen, die die oben genannten Dinge schlichtweg nicht gutheißen sollten. Ich kann über keinen Comedian lachen, der in seiner Sendung, auch nicht als Seriencharakter, Sexismus, Stalking und Körperverletzung legitimiert.

Und es kotzt mich an, dass ich wirklich noch darüber schreiben muss, dass wir endlich aufhören müssen über so einen Scheiß zu lachen.

 

Bildquelle: https://bastianpastewka.de/editorial/drehstart-von-pastewka-staffel-9.html

7 Comments

  1. Wie ironisch, dass ich diesen Artikel lese, während ich darauf warte, dass mein Internet sich einkriegt und die erste Folge der neuen Staffel Pastewka lädt. Danke für die Spoilerinfo zu Beginn, dass es jedoch u.a. um Stalking geht, kam dann doch sehr überraschend für mich. Sehe es grundsätzlich auch so wie du, das, was du beschriebst, geht auch wirklich gar nicht imA. Habe auch gerade kurz überlegt, das Anschauen zu verschieben, aber probiere mich mal (sehr misstrauisch) an der ersten Episode.

    1. Caro

      Ich fands beim schauen nicht „ultra belastend“, eben weil es halt doch sehr leicht und locker alles genommen wird. Doch die „Alter, wirklich?“ häuften sich leider. Lass mich bitte wissen wie du es fandest. Man rutscht schnell in Überreaktionen. Und ich schätze deine Meinung sehr, deshalb ist sie mir wichtig!

  2. Ein Sven

    David Cronenberg sagte einmal: „Du kannst eine Figur noch so sympathisch finden und mit ihr lachen und leiden. Aber in dem Moment, in dem sie ein Lebewesen quält, sind dem Zuschauer seine Probleme scheißegal.“

    Bastewka ist noch nicht an diesem Punkt angelangt (zum Glück). Aber sein Charakter hat im Laufe der Serie einen bösen Wandel in diese dunkle Richtung gemacht.

    Hat er früher Chaos angerichtet, hatte er zumindest nie böse Absichten. Da war es auch lustig, wie es zunehmend chaotischer würde, als er die Situation retten wolte.

    Aber jetzt ist der Grundcharakter, den er spielt, ein Arsch. War er mir viele Jahre sympathisch, habe ich seit gut zwei Jahren keine Lust mehr, die Serie anzusehen. Ich habe die neue Staffel noch nicht gesehen, aber dein Beitrag zeigt mir, dass meine Befürchtungen wahr geworden sind. Schade.

  3. None

    Danke. Ich gucke die Serie seit Staffel 1 und habe auf die 9. ungeduldig gewartet – gestern Abend dann die Folge mit dem Wald gesehen. Schon vorher dachte ich oftmals wtf (bei der ganzen Stalking-Story an Annes Arbeitsplatz!!), zumal ich parallel zu Pastewka ‚You‘ auf Netflix guckte, was dem Ganzen erst Recht einen Beigeschmack gab. Gestern Abend habe ich bald nicht mehr gewusst, ob ich lachen oder weinen soll. Zum Lachen kam ich eh kaum, viel zu konstruiert und weit hergeholt die Situationen, da wünsche ich mir einen Fahrradunfall mit Folgen aus Staffel 1 zurück.

  4. Manfred

    Beim nächsten Mal bitte nochmal Korrektur lesen. Die Häufung der Fehler macht den Text stellenweise unleserlich, sodass man Sätze mehrfach lesen muss um zu erahnen was gemeint sein könnte. Danke.

    1. Caro

      Lieber Manfred,
      danke für deinen Kommentar. Manchmal nimmt die Betriebsblindheit einfach Überhand und Fehler schleichen sich ein. Es ist dann der furchtbare Kampf aus „mein Kopf ist total voll“ und „ich will den Text aber wirklich gerne teilen“. Aber nur durch solche Hinweise kann mir das zusätzlich auffallen, danke!
      Dass die Fehler den Text unleserlich machen, finde ich etwas übertrieben, aber ich habe lange nicht mehr geschrieben, vielleicht bin ich etwas aus der Übung.

      Liebe Grüße

      Caro

      p.s. Kritik kommt immer viel freundlicher, wenn man einfach mal „Liebe Caro“ oder „Liebe Grüße“ mit in den Kommentar schreibt. Wirkt auch gleich viel menschlicher, oder? 🙂

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