Heute schon für morgen träumen – Lori Nelson Spielman – Ich hab da was im Auge

träumen

Als Emilia auf dem New Yorker Flughafen ihre Großtante Poppy trifft, bekommt sie plötzlich Angst vor der eigenen Courage. Seit mehreren Jahren hat sie ihre Großtante nicht gesehen. Warum hat sie bloß deren Einladung zu dieser weiten Reise nach Italien angenommen? Vor ihr steht nun Poppy – eine alte Dame, behängt mit verrücktem Modeschmuck und bunten Tüchern. Sie genießt das Leben als bunten Strauß an Möglichkeiten – lache laut, singe falsch, liebe innig! Manchmal brauchen wir in unserem Leben jemanden, der uns eine neue Richtung zeigt.

Ich lese keine Romane mehr. Zumindest nicht mehr aktiv. Es gibt mal hier und dort eine Ausnahme, grundsätzlich habe ich dem 0815 Liebeskrams aber abgeschworen. Die Geschichten veränderten sich einfach nicht. Es geht um zerbrochene Beziehungen, irgendein Stalker kommt auch noch um die Ecke. Am Ende liegen sich alle in den Armen, der ruppige, aber doch liebevolle Mann taucht vor der Türe auf, lächelt die Protagonistin verschmitzt an. Es folgt ein letzter Satz über die Zukunft und dass man manchmal etwas wagen muss um zu seinem Glück zu gelangen. Im Klappentext von Lori Nelson Spielmans neuem Buch erscheint ein ähnlicher Spruch: Wann hast du zuletzt etwas gewagt?
Traust du dich heute?

Da ich jedoch finde, dass es nicht zu dem Buch passt, habe ich mich dagegen entschieden es oben hinzuzufügen. Aber nun erst mal etwas zum Buch.

Familienchaos und Fernflüge

Emilia macht sich mit ihrer Cousine und ihrer Großtante auf den Weg nach Italien. Emilias Großmutter ist strickt dagegen, sie steht mit ihrer Schwester auf Kriegsfuß. Emilia arbeitete normalerweise in einem Familienbetrieb, den ihre Großmutter verdammt gut im Griff hat. Sie hält sie klein, versucht sie in ihrer Freiheit einzuschränken, doch Emilia hat keine Lust mehr. Als Tante Poppy Kontakt mit ihr aufnimmt, der ausnahmsweise mal nicht von ihrer Oma abgefangen wird, denkt sie nicht lange nach und fliegt mit nach Italien. Dort hat Poppy nämlich ein Date. An ihrem Achtzigsten Geburtstag. So beginnt eine sehr verrückt, schmerzhafte und liebevolle Geschichte.

Lori Nelson Spielman kann schreiben. Das haben Leser bereits bei den ersten drei Büchern feststellen dürfen. Auch ich habe alle drei Bücher verschlungen und geliebt. Neben Lucy Clarke gehört sie für mich zu den einzigen Roman-AutorInnen, die in mein Bücherregal ziehen dürfen. Die Geschichten tropfen nicht vor Klischees, die Hauptgeschichte ist kreativ, spannend und abwechslungsreich. So auch die Geschichte von „Heute schon für morgen träumen“. Das Buch hatte mich bereits nach den ersten Seiten gepackt. Spielman schreibt mitreißend, spannend, aber gleichzeitig auch mit einer gewissen Leichtigkeit. Anstatt eines Climax gegen Ende des Buches, ist Emilias Geschichte eine Achterbahnfahrt.

Die Charaktere sind vielseitig und eine schöne Abwechslung. Oma Rosa ist verbittert und eine Art von Charakter, die man selten liest. Sie ist undurchsichtig, wirkt mit einer erschreckenden Dominanz auf ihr Umfeld. Widerstand wird hart bestraft, niemand möchte es sich mit ihr verscherzen. Poppy ist total verrückt und sehr lebensfroh, trotz ihres hohen Alters. Emilia ist unsicher und durchlebt Krisen, die vermutlich jeder von uns kennt. Die Familiengeschichte hat mich sofort dort gepackt, wo meine persönlichen Probleme tief schneiden und schmerzen. Das Buch nahm mit mit, schmerzte und brachte mich mehrfach zum Weinen. Und das mag schon was heißen, da ich sonst nur bei Pixar-Filmen Tränen in den Augen habe.

Geschichte statt Liebe

Spielman nimmt sich mit der Geschichte Poppys einiges vor, schaffte es jedoch auf großartige Art und Weise mitreißend, herzerwärmend und schmerzhaft alles zu erzählen. Mit einer erschreckenden Korrektheit geht sie auf die Nachkriegszeit in Deutschland ein, stellt es nachvollziehbar dar, weshalb ein Ostdeutscher einfach nicht aus dem Land kam und hinterlässt ordentlich Herzschmerz beim Leser.
Emilia ist eine eigenartige Protagonistin, die jedoch sehr nahbar wirkt. Ihre Cousine und Poppy bringen manchmal Sprüche, die etwas fragwürdig sind, ziehen das übliche „du musst zeigen, dass du eine Frau bist!“-Ding durch. Jedoch spielt es keinerlei Rolle für Emilia. Ja, sie kauft sich eine neue Brille, versteht jedoch recht zügig, dass es eigentlich egal ist, was sie ausstrahlt. Sie lernt harte Lektionen, macht Erfahrungen, die sie innerhalb der Klauen ihrer Großmutters nicht hätte machen können.

Design, Titel und schlechte Entscheidungen

Doch so gut das Buch auch ist, muss ich Kritik äußern. Das Buch lässt stilistisch und literarisch nicht wirklich Raum für Kritik, da es wirklich gut geschrieben ist und eine tolle Geschichte erzählt, jedoch lassen Titelwahl und Buchdesign zu wünschen übrig. Die bisherigen Titel von Lori Nelson Spielmans waren auch nicht grade der Knaller und bauten nach „Morgen kommt ein neuer Himmel“ stetig ab, jedoch waren die Cover-Designs sehr, sehr schön. Ich freute mich jedes mal, dass sie so schön in die Reihe passten und einen eigenen Stil hatten. Keine peinlichen Zeichnungen, keine kitschigen Symbole. „Heute schon für morgen träumen“ geht jedoch einen anderen Weg. Vögel, anderer Cover-Art-Stil, der sich überhaupt nicht von den 0815 Romane in der Buchhandlung abhebt. Das Potential, welches die Cover-Arts Spielmans Bücher haben könnten, wird leider nicht genügend ausgeschöpft. Warum in Hinsicht solcher Feinheiten ein Schritt zurück gegangen wird und sich die Buchindustrie scheinbar nicht weiterzuentwickeln scheint, weiß ich nicht. Mich als Leserin schreckt es schlichtweg ab. Und wenn ein Buch, wie das von Lori Nelson Spielman sich in der Buchhandlung nicht abhebt, ist es nicht einfach nur ärgerlich, es ist auch unfassbar schade für eine richtig tolle Geschichte.

Dies bleibt jedoch die einzige Kritik und wie schon zuvor, kann ich jedem, der empfänglich emotionale Geschichten ist, das Buch sehr ans Herz legen. Ich würde mir wünschen, dass Verlage einfach weiter ihr Ding machen und nicht immer dem Druck verfallen „super hip“ und „romantisch kitschig“ seien zu müssen nachgeben.

Kaufen könnt ihr das Buch hier

Danke an Krüger für das Rezensionsexemplar

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