Bitte nicht schubsen, ich hab‘ Angst im Dunkeln – Bloodborne

Ich habe noch nie ein Souls-Like gespielt. Noch nie. Warum? Na, weils verdammt gruselig ist. Nein, nicht die Story oder die Charaktere, sondern weil die Schwierigkeit, die Ansprüche und die Herausforderung – einfach nur gruselig sind.

Die Souls-Spiele haben den Ruf, brutal schwierig zu sein, da sie weder einstellbare Schwierigkeiten haben, noch besonders einsteigerfreundlich sind. Diese Tatsachen werden jedoch auch lautstark kritisiert (zu Recht, aber dazu später). Wer sich also als „richtiger Gamer“ bezeichnen möchte, muss sich früher oder später den Souls-Spielen stellen. Das ist natürlich vollkommener Quatsch, aber irgendwie wird man den Eindruck nicht los und verspürt diesen subtilen Druck, die fiesen RPG-Klopper doch mal auszupacken.

Es begab sich also an einem langweiligen Nachmittag, dass ich die verrückte Entscheidung traf: „Heute werde ich ein Souls-Like anfangen“. Woher die Idee kam, weiß ich nicht mal mehr so recht. Kurz vorher hatte ich gefrustet Assassin’s Creed Valhalla nach 50 Stunden weggelegt und suchte nach einem Erlebnis. Kein dreistündiges Indie-Adventure, kein kurzes, knackiges Point and Click – ich brauchte etwas Umfangreicheres. Ein Spiel, das mich total vereinnahmt, mich motiviert, mich wachsen lässt, mich mit Lore zuballert und dabei auch noch so richtig schön anspruchsvoll ist. So ward die Idee geboren, einfach Bloodborne zu spielen.

Aller Anfang ist schwierig

So „einfach“, war es aber dann, wie es sich herausstellte, doch nicht. Ich streamte meine ersten Gehversuche und war zum Großteil der Zeit gefrustet. Viele Elemente erschlossen sich mir einfach nicht, ich mochte die Gegner-Typen nicht, ich verstand nicht recht, was mein Ziel in Zentral Yharnam war und WANN KAM DIE NÄCHSTE LAMPE? Das Gameplay gefiel mir zwar ziemlich gut, jedoch verspürte ich keinerlei Fortschritt, weil ich nicht leveln könnte. Nach einem guten Tipp im Stream schaltete ich dann die Möglichkeit frei, zu leveln, ohne die Kleriker-Bestie erlegt zu haben, und alles ergab ein wenig mehr Sinn.

Stück für Stück zogen mehr Stunden ins Land und ich entdeckte, dass mir der Koop-Modus das Spiel sehr viel zugänglicher machte. Vorher habe ich noch alleine, total entspannt, Gascoigne und die Kleriker-Bestie gelegt (fragt einfach nicht) und von da an ging es zu 70% im Koop durch die wundervoll schaurige Welt von Bloodborne. Mein Ego wurde geboosted durch die Tatsache, dass ich Gascoigne „aus Versehen“ alleine gelegt habe und mit der Möglichkeit, zu leveln, wurde ich mutiger. Und ich wuchs an dem Spiel. Ich wurde besser. Tag für Tag. Auch nach unzähligen Überlegungen, ob ich das Spiel wirklich weiterspielen möchte, zog es mich immer wieder an die Konsole. Yharnam rief nach mir.

Hand in Hand durch den Horror

Mein Spielpartner ließ mich entdecken, kämpfe mit mir, starb mit mir und schrie mich vor allen Dingen mit Sätzen wie:“KOMM JETZT VON DER KANTE WEG!“ an. Stück für Stück schlachteten wir uns unseren Weg durch Yharnam, Wälder und verlassene Häuser und ich liebte das Spiel mit jeder Sekunde ein bisschen mehr. Die erste, und einzige, Verzweiflung kam, als ich irgendwann alleine in Nightmare Mensis stand und mir nur dachte: „Gut, hier ist meine Reise nun vorbei“. Zu zweit war das Gebiet später am Tag aber fix gemacht und ich besiegte kurz danach den finalen Endboss (alleine, wohlgemerkt). Den alten Speicherstand haben wir schnell vom USB gezogen und wir waren bereit, für den DLC. Dieser gestaltete sich nicht zwingend schwieriger als das Hauptspiel, jedoch war der erste Bossfight deutlich anstrengender und langwieriger.

Doch bevor ich euch zu viel verrate, was meine eigentliche Meinung zu Bloodborne ist, würde ich gerne etwas über das Storytelling reden.

Lovecraft mit Schwertern und Pistolen

Bloodborne macht etwas, das viele Spiele versuchen, jedoch nicht richtig umgesetzt bekommen. Es verpackt Lore in die Welt, und wenn du dir keine Mühe gibst, findest du sie nicht. Die Entwickler spielen viel mit den Gebieten und jeder Abschnitt fühlt sich besonders an, fast schon durchdrungen von Geschichte und Terror. Besonders Byrgenwerth und Cainhurst haben es mir angetan. Auch, wenn bei Byrgenwerth das Potential noch lange nicht ausgeschöpft wurde. Es gibt verpassbare Events, die mich tierisch geärgert haben, in der langen Nacht der Jagd jedoch schlichtweg Sinn ergeben haben. Wer nicht mit den Menschen hinter den Türen spricht, verpasst so viel und kratzt trotz Beendigung des Spiels nicht mal ansatzweise an der Oberfläche der Geschichte. Eine Geschichte, die am Ende Full Circle geht und noch so viele Fragen offen lässt, die einen fast schon provoziert, einfach nochmal zu starten. Damit schafft Bloodborne den perfekten Spagat zwischen tiefer, anspruchsvoller Story und gutem Gameplay, wobei beides isoliert fantastisch funktioniert.

Damit wären wir leider bei meinem größten Kritikpunkt: Die Schwierigkeit. Ich weiß, dass es ganz dünnes Eis ist, doch ich kann schwimmen. Bloodborne ist kein per se schwieriges Spiel, das habe ich auch gelernt, jedoch ist die Hürde des Spiels einfach viel zu hoch. Unzählige Spielende verliert es in der ersten halben Stunde oder spätestens beim Clerics Beast, bei dem die Kamera verrücktspielt und keiner mehr damit klar kommt. Am Anfang fühlt sich vieles unfair an, obwohl man später bemerkt, dass es das nicht ist. Trotzdem ist es unsagbar schwierig, in dieser Welt Fuß zu fassen. Das spielt selbstverständlich auch etwas in die Geschichte mit rein, dass wir Jäger, aber auch Gejagte sind. Man darf sich in Bloodborne nicht sicher fühlen. Daran gewöhnt man sich irgendwann.

Eine Enttäuschung bleibt

Auch wenn ich sehr begeistert von dem Spiel bin, bin ich in gleichem Maße unsagbar enttäuscht, dass es so viele Spielende geben wird, die Bloodborne aufgrund ihrer Schwierigkeit niemals erleben dürfen. Für mich ist es keine Debatte, dass Spiele verschiedene Schwierigkeitsgrade haben sollten. Das ist nicht nur für Leute mit schwachen Nerven nett, sondern auch für Menschen mit Behinderungen, die schlichtweg länger brauchen um bestimmte Commands und Tasten zu nutzen.

Ein Zugeständnis zur Dunkelheit

Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde, aber verdammt, ich liebe Bloodborne. Eine grandiose Welt, die schöner kaum sein könnte, getränkt mit so viel Hass, Angst, Wut und Enttäuschung. Mit Monstern und schaurigen Gestalten, die alle nur darauf warten, dass die Nacht endet, damit endlich wieder Sonne in ihr Leben findet. Eine grandiose Steuerung, die sich nach kurzer Zeit komplett makellos und perfekt anfühlt sowie ein fordernder Kampfstil, der schnell, ruppig und gleichzeitig elegant und majestätisch ist, runden das Komplettpaket ab.

Ich habe mich Bloodborne gestellt und eine der schönsten Videospiel-Erfahrungen meines Lebens machen dürfen. Doch ich weiß, dass sie schöner gewesen wäre, wenn ich die Schwierigkeit beeinflussen hätte können. Und wenn es nur den Damage der Gegner runterfährt. Bloodborne verschenkt so viele begeisterte Spielende durch das, ja fast schon Gatekeeping und künstlich Elitäre. Ich hoffe Fromsoft ist sich bewusst, dass auch für sie die Zeit nicht stillsteht, und dass Accessibility-Debatten schon lange über eine Änderung der Tastenbelegungen hinausgeht.

Bloodborne war ein Erlebnis. Wunderbare Stunden, was ich niemals für möglich gehalten hätte. Ich bin empfindlich, sensibel, einfach zu erschrecken und zu terrorisieren, doch Bloodborne hat es geschafft, ich bin dran geblieben. Bloodborne ist nicht für jeden etwas. Und das möchte ich auch an keiner Stelle vermitteln, jedoch wünschte ich, dass es für mehr Leute zugänglich wäre.

Rückblickend ist Bloodborne für mich einer der besten Titel aller Zeiten, vielleicht sogar der beste Titel der Playstation 4. Eine solche Dichte an grandiosem Gameplay, atemberaubender Story und unnacharmbarem Feeling habe ich so selten gesehen.

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